Medizin-Wissen
Organe spenden: Was hält uns eigentlich ab?

Will ich meine Organe spenden? Am 1. November 2012 tritt die Organspende-Reform in Kraft. Was bedeutet das für mich? Ich bekomme einen Brief von meiner Krankenkasse und muss mich entscheiden - für oder gegen eine mögiche Organspende. So wie unsere Autorin.

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Foto: fovito / Fotolia.com

Eines Tages kam der anonyme Dankesbrief. "Kann man vom Sinn des Todes sprechen", fragte der Schreiber, "ich weiß es nicht. Aber ich bin Ihnen und dem Spender so unendlich dankbar, denn Sie alle zusammen haben mir mit Ihrer Entscheidung ein Weiterleben ermöglicht." Marita Donauer ging mit dem Brief zum Grab ihres Bruders. Sie sagte: "Hör zu, Karl. Erst die schlechte Nachricht: Dein Fußballclub ist abgestiegen. Nun die gute: Du hast mit deinen Organen sieben Menschen geholfen, und einer hat uns geschrieben."

Heute spricht Marita Donauer über den plötzlichen Tod ihres Bruders mit tiefer Trauer und großer Leichtigkeit. Er starb an einer Hirnblutung. Als nächste Verwandte wurde sie gefragt, ob sie einer Organspende zustimmen würde. Was ihr Bruder darüber dachte, wusste sie: Ihm war am christlichen Glauben die praktische Nächstenliebe das Wichtigste. Und sie selbst? Hätte wohl die Nacht durchgegrübelt, wenn ihr pragmatischer Ehemann nicht gesagt hätte: "Stimm einfach zu, Marita. Es gibt Fragen im Leben, auf die man nur mit Ja oder Nein antworten kann. Wie beim Heiraten. Einfach ja." Dann hat sie zugestimmt. Marita Donauer musste für einen Angehörigen entscheiden, und sie hatte keine Zeit, lang darüber nachzudenken.

Ich habe Zeit, und ich kann mir selbst überlegen, ob ich Organspenderin werden will. Eigentlich ist es Unsinn, sich zu drücken. Der Tod rückt doch nicht näher, wenn man an ihn denkt - oder? Was also hält uns ab, was lässt uns zögern? Würde ich den Ausweis ausfüllen, wenn die Apothekerin ihn mir statt des Päckchens Taschentücher in die Hand drücken würde? Vielleicht. Schnell müsste ich ihn dann ausfüllen, weil ich sonst ins Grübeln über den Tod käme. Meinen Tod.

Das stärkste Argument für die Bereitschaft, Organspender zu werden, ist die Begegnung mit einem Menschen, der ohne ein fremdes Organ nicht mehr leben würde. Wie Ingrid Volke, die strahlend vor Lebenslust auf ihrer Terrasse in Echzell sitzt und keine Sekunde vergisst, dass sie ihr Leben einem Toten verdankt. Zweieinhalb Jahre hat sie auf einen Lungenflügel gewartet. Als sie, wie es heißt, "gelistet" wurde, war sie 58 und hatte den Tod vor Augen. Ihre Krankheit: chronische Entzündung der Bronchien. 0,7 Liter Luft konnte sie nur noch auspusten, eine gesunde Lunge fasst vier bis fünf Liter. Sie hing 24 Stunden an der Sauerstoffflasche, hat 40-mal in der Minute nach Luft geschnappt. Ein gesunder Mensch kommt mit 18 Atemzügen aus.

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  • Text: Monika Held
    Illustration: Suse Schandelmaier & Herr Müller
    Ein Artikel aus der BRIGITTE
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