Notfallverhütung

Deutschland streitet um die Pille danach

Anders als in den meisten anderen Ländern Europas besteht in Deutschland für die Pille danach Rezeptpflicht - obwohl Experten deren Sinn anzweifeln. Nun debattiert auch der Bundestag über den Zugang zur Notfallverhütung.

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Foto: SirName/photocase.com

Mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr ist es wie mit dem Kranksein: Es passiert meist an Wochenenden, Feiertagen oder im Urlaub - wenn der nächste Arzt nicht gleich um die Ecke ist. Anders als beim Schnupfen geht es hier jedoch um eine existenziellere Sorge: Die Verhütung einer möglichen Schwangerschaft.

Für solche Notsituationen nutzen viele Frauen die Pille danach. Allein im Jahr 2013 wurde die Pille mit dem Wirkstoff Levonorgestrel nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums rund 200.000 Mal verschrieben. Innerhalb von 24 Stunden eingenommen, kann sie bis zu 95 Prozent der ungewollten Schwangerschaften verhindern, nach 24 bis 48 Stunden wirkt sie nur noch zu 85 Prozent. Danach sinkt die Wirksamkeit auf 58 Prozent ab.

Durch die Pille danach wird keine Schwangerschaft abgebrochen, denn das in der Pille enthaltene Levonorgestrel verzögert lediglich den Eisprung und verhindert so eine Befruchtung. Das Medikament kann zwar Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit haben, gilt aber als sicher. Dennoch besteht in Deutschland eine - umstrittene - Rezeptpflicht. Damit stehen wir fast alleine da: In den meisten Ländern Europas, aber auch in den USA und in der Türkei, ist die Pille danach frei erhältlich. In Schweden und Frankreich gehört sie sogar zur Erste-Hilfe-Ausrüstung an weiterführenden Schulen.

Die Debatte um den Zugang zu dieser Notfallverhütung hat nun auch den Bundestag erreicht. Am 13. Februar 2014 stimmen die Abgeordneten über die Rezeptpflicht oder -freiheit der Pille danach ab. Bereits 2010 hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Freigabe des Medikaments ausgesprochen. Der Bundesrat forderte im November das Gleiche. Und Mitte Januar legte ein Expertenausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) ebenfalls eine Empfehlung vor, die für das rezeptfreie Aushändigen der Pille danach mit dem Wirkstoff Levonorgestrel plädiert.

Der Vorteil: Ohne Arztbesuch ist eine rechtzeitige Einnahme eher zu gewährleisten. Und weil bei der Pille danach jede Stunde zählt, ist ein schneller Zugang zu dem Präparat wichtig. So würden letztlich auch Abtreibungen verhindert, argumentieren die Befürworter der Rezeptfreiheit. Zu ihnen gehört auch Stefanie Lohaus, Chefredakteurin des Missy Magazins. Sie kritisiert, dass bei der Pille danach eine moralische, keine medizinische Debatte geführt wird. Tatsächlich sind bislang keine Gesundheitsrisiken bekannt.

Mit ihrer Petition für die Freigabe der Pille danach fordert sie, dass Frauen selbstbestimmt über den Einsatz des Verhütungsmittels entscheiden können. Die Petition richtet sich an den neuen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Der wirbt zwar für einen "zügigen und diskriminierungsfreien Zugang und gute Beratung", sieht dies jedoch durch die Verschreibungspflicht am ehesten gewährleistet. Weil Union und SPD in der Pillenfrage auf keinen gemeinsamen Nenner kamen, haben sie das Thema im Koalitionsvertrag ausgeklammert.

Nicht nur Gröhe, auch der Bundesverband der Frauenärzte sowie die Bundesärztekammer halten an der Rezeptpflicht fest. Deren Präsident Frank Ulrich Montgomery sagte im Interview mit dem Deutschlandfunk, die Beratung in der Apotheke sei insbesondere für junge Frauen nicht ausreichend. Die Nebenwirkungen seien nicht das Problem, auch die ethischen Bedenken der Kirche spielten für die Ärzteschaft keine Rolle. Es gebe allerdings ein in seinen Augen besseres Mittel als das übliche Levonorgestrel. Der Wirkstoff Ulipristalacetat wirke länger und auch bei Frauen mit höherem Körpergewicht zuverlässiger. Weil es jedoch mehr Nebenwirkungen hat, darf es nur vom Arzt verschrieben werden. Weiter argumentiert Montgomery: "Wenn ein Medikament aus der Verschreibungspflicht herauskommt, darf es in Deutschland auch beworben werden." Zudem sei in Ländern mit Rezeptfreiheit die Anzahl der Teenager-Schwangerschaften sehr viel höher als in Deutschland.

#wiesmarties: Die Diskussion um die Pille danach auf Twitter

Auch auf Twitter diskutieren User über die Pille danach. Der Hashtag #wiesmarties bezieht sich auf ein Zitat des CDU-Politikers Jens Spahn, der die Rezeptpflicht damit begründete, dass "solche Pillen (...) nun mal keine Smarties" seien.

Der Bundestag muss nun das Pro und Contra abwägen. Der Druck auf Bundesgesundheitsminister Gröhe wächst stündlich - die benötigten Unterschriften für die Petition sind bald erreicht.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Pille danach

  • Pille vergessen, Kondom abgerutscht, gar nicht verhütet: Wie kann ich eine Schwangerschaft verhindern?
    Da gibt es mehrere Möglichkeiten. 1) Die Pille danach: Es gibt zwei verschiedene Wirkstoffe, die den Eisprung verhindern können: Das gut erprobte Levonorgestrel ("PiDaNa") und das neuere Ulipristalacetat ("Ellaone"). Wichtig: Sie bringen nichts, wenn die Panne am Tag nach dem Eisprung passiert, wenn sich die Eizelle bereits in der Gebärmutter eingenistet hat. 2) Die Kupferspirale: Die Spirale wird in die Gebärmutter eingesetzt. Sie verhindert, dass sich eine befruchtete Eizelle einnistet, wirkt also auch noch nach dem Eisprung. Nach dem Legen der Spirale kann man das Thema Verhütung normalerweise für die nächsten fünf Jahre vergessen. Für sehr junge Frauen ist sie allerdings nicht gut geeignet. 3) Die Kupferkette: Sie wirkt im Prinzip wie die Spirale, ist aber kleiner und beweglicher. Es gibt sie auch in einer Mini-Ausführung für junge Mädchen.
  • Pille danach - wie schnell muss ich reagieren?
    Spätestens nach drei Tagen (Levonorgestrel) bzw. nach fünf Tagen (Ulipristalacetat, Spirale). Man muss also nicht zwingend nachts in die Notaufnahme. Trotzdem gilt: Je eher, desto besser - denn innerhalb der ersten zwölf Stunden funktioniert die Notfallverhütung am besten.
  • Soll ich sofort einen Schwangerschaftstest machen?
    Moderne Tests weisen ab etwa zehn Tagen nach der Befruchtung eine Schwangerschaft nach - zu spät für die Notfallverhütung. Dennoch wird bei Ulipristalacetat ein Schwangerschaftstest empfohlen - falls man schon im letzten Zyklus unwissentlich schwanger geworden ist. Denn es ist nicht klar, ob die Pille dem Baby schaden könnte.
  • Wie sicher sind Pille und Spirale danach?
    Levonorgestrel wirkt umso besser, je früher es genommen wird. Innerhalb von zwölf Stunden wird eine Schwangerschaft zu über 90 Prozent verhindert, nach zwei Tagen zu 60 Prozent. Ulipristalacetat bleibt nach der Verhütungspanne fünf Tage lang gleich wirksam, hat aber mehr Nebenwirkungen. Es hilft also bei Pannen, die länger als zwei Tage her sind. Wenn man innerhalb von drei Stunden nach der Einnahme brechen muss, nimmt man eine weitere Pille, möglichst zusammen mit einem Mittel gegen Übelkeit. Und: Bis zur nächsten Blutung muss man unbedingt zusätzlich, zum Beispiel mit Kondomen, verhüten. Kupferspirale und Kupferkette verhindern innerhalb von fünf Tagen zu über 90 Prozent eine Schwangerschaft.
  • Wo bekomme ich die Pille danach?
    Die Verschreibungspflicht der Pille danach ist aktuell in der politischen Diskussion. Noch gilt in Deutschland (im Gegensatz zu fast allen anderen europäischen Ländern): Man braucht dafür ein Rezept, z. B. von der Frauenärztin, dem Hausarzt oder einer Ärztin von Pro Familia. Am Wochenende hilft der ärztliche Notdienst. Spirale oder Kupferkette sind nur zu Praxiszeiten eine Option. Die Spirale kann jede Frauenärztin einsetzen, die Kupferkette verwenden bisher nur wenige Ärzte.

    Ganz neu ist die Möglichkeit, sich ein Rezept für die Pille danach im Internet zu besorgen, über die Londoner Online-Artzpraxis www.drEd.com, die von drei deutschen Ärzten betrieben wird. Die betroffenen Frauen müssen dafür lediglich einen Online-Fragebogen ausfüllen und bekommen das Medikamt per Expresssendung am folgenden Morgen. Allerdings gibt es beim Online-Arzt derzeit nur das Präparat mit dem Hormon Levonorgestrel, das spätestens drei Tage nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden muss.
  • Wie viel kostet die Pille danach?
    Die Pille danach kostet je nach Wirkstoff 18 oder 35 Euro. Bis zum 20. Geburtstag zahlt die Kasse, ab 18 Jahren muss man 5 Euro selber tragen. Spirale und Kupferkette muss man selber zahlen (mit Einsetzen rund 150 bis 400 Euro).
  • Schwanger trotz Pille danach - wird das Baby gesund sein?
    Levonorgestrel führt nicht zu Missbildungen beim Baby. Für Ulipristalacetat gibt es noch keine endgültige Bewertung.
  • Schadet mir die Pille danach?
    Dauerhafte Nebenwirkungen gibt es bei gesunden Frauen nicht. Häufig sind bei Levonorgestrel aber Kopf- oder Bauchschmerzen, Brustspannen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Ulipristalacetat hat mehr Nebenwirkungen, u. a. auch Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen. Die nächste Regel kann bei beiden zu früh oder zu spät kommen.
  • Kann ich im Moment überhaupt schwanger werden?
    Hängt davon ab, wie weit man im Zyklus ist. Die kritische Phase beginnt etwa sechs Tage vor dem Eisprung (weil Spermien so lange überleben) und endet einen Tag danach (weil die Eizelle schnell abstirbt). Der Eisprung liegt in der Mitte des Zyklus, also etwa 14 Tage nach Beginn der Blutung. Bei regelmäßigem Zyklus hat man so schon mal einen Anhaltspunkt. Wenn man die Pille vergessen hat, kommt es darauf an, wie oft und wann. Außer bei der Minipille hat man zwölf Stunden Zeit, eine vergessene Pille noch zu nehmen. Eine ausgelassene Pille am Ende des Zyklus ist weniger gefährlich als am Anfang. Auf der Website www.familienplanung.de können sich Pillenvergesser durch Fragen klicken und bekommen Rat, was zu tun ist.
  • Kann ich auch meine normale Pille als Pille danach benutzen?
    Im Prinzip ja: Viele Verhütungspillen enthalten Levonorgestrel (in geringerer Dosis). Man könnte also theoretisch mehrere Pillen auf einmal schlucken. Allerdings enthalten sie (außer der Minipille) zusätzlich auch ein Östrogen - davon würde man eine Riesenmenge abbekommen. Man sollte auf die Notfallverhütung Marke Eigenbau also allenfalls im australischen Outback setzen.
  • Wo bekomme ich weitere Infos zur Notfallverhütung?
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  • Artikel vom 12.02.2014
  • Text: Nicole Wehr / Dr. Sabine Thor-Wiedemann