Powerpillen fürs Gehirn?

Immer gut drauf und voll konzentriert: So genannte Neuro-Enhancer heben die Stimmung und steigern die Hirnleistung. Doch wo liegt die Grenze zwischen Nutzen und Missbrauch?

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Ein starker Espresso nach dem Mittagessen, um wieder fit fürs Büro zu sein. Und abends ein Gläschen Wein, um die Nerven zu beruhigen: Über solche Stimulanzien machen wir uns normalerweise kaum noch Gedanken. Aber Tabletten nehmen, um den Alltag zu bewältigen? Das geht einen entscheidenden Schritt über die Caféhaus-Palette hinaus.

Immer beliebter werden in letzter Zeit so genannte Neuro-Enhancer: Arzneimittel, die eigentlich für Kranke gedacht sind, aber auch von Gesunden geschluckt werden. Kreative nehmen solche Powerpillen, um unter Zeitdruck konzentrierter arbeiten zu können, Ärztinnen und Krankenschwestern, um die Nächte im OP durchzustehen, und Schichtarbeiterinnen, um ihren Schlaf-Wach-Rhythmus in den Griff zu bekommen.

Pillen schlucken, um die Leistung zu steigern oder die Stimmung aufzuhellen: "Der Trend ist klar im Kommen", sagt Expertin Bettina Schöne-Seifert von der Universität Münster. In den USA nehmen zum Beispiel schon bis zu 10 Prozent der Studenten Ritalin. Das Medikament, das auch zur Behandlung hyperaktiver Kinder eingesetzt wird, steigert bei Erwachsenen die Aufmerksamkeit und angeblich auch das Lernvermögen.

Eine vergleichbare Wirkung auf das Gehirn hat der Wirkstoff Donepezil, eigentlich ein Alzheimer-Medikament. Bis zu drei Tage und drei Nächte lang durcharbeiten - zu solchen auf Dauer sehr ungesunden Höchstleistungen verhilft der Wirkstoff Modafinil. Zudem soll die Substanz auch das Gedächtnis stärken.

Eine Pille fürs Lernen, eine fürs Wachbleiben, eine fürs Denken: Können wir durch Hirn-Doping zu nimmermüden Arbeiterinnen oder gar zu kleinen Einsteins werden? Die Medizin-Ethikerin Bettina Schöne-Seifert weiß: "Neuro-Enhancer sind das, wovon die Menscheit immer geträumt hat."

Doch was geschieht mit uns, wenn der Traum Wirklichkeit wird? "Ich kann niemandem empfehlen, solche Substanzen zu nehmen", sagt Hans Flohr. Der Neurobiologe der Universität Bremen hat selbst eine Lernpille entwickelt. Dennoch rät er ab, "weil solche Mittel einen Eingriff in die Persönlichkeit darstellen und die Hirnchemie aus dem Gleichgewicht bringen". Das bedeutet: Es gibt Nebenwirkungen. Manche Substanzen dämpfen die Lust auf Sex, andere machen auf lange Sicht depressiv.

Kürzlich warnte die amerikanische Überwachungsbehörde FDA: Eine langfristige Einnahme von Ritalin erhöht möglicherweise das Risiko, Herzrhythmusstörungen und Schlaganfall zu bekommen. Und welche unerwünschten Effekte das Aufputschmittel Modafinil haben kann, ist noch gar nicht ausreichend erforscht.

Doch weil Stress und Leistungsdruck im Alltag für viele weite zunehmen, ist die Versuchung groß. Zumal die Pharma-Industrie die Medikamente - zumindest in den USA - als elegante Problemlöser bewirbt. So wurde das Antidepressivum Fluoxetin in Amerika unter dem Markennamen "Prozac" schon lange zum Lifestyle-Medikament. Hierzulande verschreiben Ärzte das Medikament gegen Schwermut und gegen psychosomatische Beschwerden.

Beliebt bei deutschen Studenten ist auch Propranolol, ein so genannter Betablocker. Denn das Herzmedikament kann Prüfungsangst mildern. Zudem soll es auch helfen, schwere traumatische Erlebnisse schneller zu vergessen. Wegen ihrer Nebenwirkungen sind solche Medikamente in Deutschland allerdings verschreibungspflichtig.

Schöne neue Neuro-Welt? Die Drogen aus der Apotheke "werden in der Zukunft wahrscheinlich zum Problem", sagt Medizin-Ethikerin Schöne-Seifert, "und zwar eher aus ethischen als aus medizinischen Gründen". Was, wenn alle Menschen ihr Gehirn chemisch zu Höchstleistungen zwingen? Werden dann Arbeitstage mit 14 Stunden zur Regel? Werden die Arbeitgeber gar auf dem Hirn-Doping bestehen?

Auf lange Sicht könnte sich auch unser Menschenbild ändern: Dürfen wir überhaupt noch übel gelaunt sein? Oder muss die Natur des menschlichen Geistes, so unperfekt sie ist, einfach verbessert werden, bloß weil die Pharmakologie es kann? Alles Fragen, die wir uns beim Latte macchiato bislang nicht gestellt haben. Und das ist auch gut so.

  • Text: Annette Bolz
    BRIGITTE Heft 12/2006
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