Mark-Peter Althausen, 36
Brigitte.de: Herr Althausen, Sie sind zweiter Vorsitzender von Delta t, dem, wie Sie es nennen, Verein für Zweitnormalität. Was meinen Sie mit Zweitnormalität?
Mark-Peter Althausen: Dieser Ausdruck bezeichnet ein zeitversetztes beziehungsweise Langschläfer-Leben. Als normal wird angesehen, wer früh aufsteht. Ein Bedürfnis nach mehr als den durchschnittlichen 7,4 Stunden Nachtruhe oder ein zeitversetzter Schlaf-Wach-Rhythmus werden dagegen von den Mitmenschen selten toleriert. Üblicherweise heißt es, das eine Verhalten sei normal, das andere unnormal. Wir ziehen jedoch vor, von einer Erst- und eben einer Zweitnormalität zu sprechen.
Brigitte.de: Das heißt, Sie setzen sich für die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen ein, die andere Schlafbedürfnisse haben als jene, die unser Alltag üblicherweise erlaubt. Haben Sie schon etwas bewegen können?
Mark-Peter Althausen: Erstnormale Menschen dominieren in unserer Welt, und entsprechend dominant ist ihr Einfluss auf unseren Rhythmus, zum Beispiel bei den Arbeitszeiten, den Schulzeiten oder den Öffnungszeiten von Behörden. Hier können wir leider wenig bewegen, freuen uns immerhin über verlängerte Ladenöffnungszeiten. Ein ostfriesisches Mitglied hat einmal versucht, eine Delta-t-Schulklasse einzurichten, also eine Klasse, deren Unterricht später beginnt und endet als der übliche Schulunterricht. Leider stieß dieser Versuch auf Ablehnung bei der Schulbehörde. Dennoch haben wir den Eindruck, dass Langschläfer heutzutage eher akzeptiert werden als früher. Denken Sie doch an die 60er Jahre mit ihren gescheitelten Frühaufstehern, da wäre ein Bekenntnis zum Langschlafen nicht denkbar gewesen.
Brigitte.de: Langschläfer und Spätaufsteher gelten aber auch heute meist als träge und faul. Wie können sie ihr Image verbessern?
Mark-Peter Althausen: Darüber reden, nicht jammern, sondern selbstbewusst dazu stehen. Wer das Thema anspricht, trifft oft auf Toleranz oder Zustimmung, denn viele andere betrifft dieses Problem ja auch. Wir bieten unseren Mitgliedern ein Netzwerk für zeitversetzte Dienstleistungen. Zum Beispiel habe ich in Berlin einen Zahnarzt, bei dem ich um 21.30 Uhr einen Termin bekomme. Unsere Mitglieder sind im Moment allerdings noch sehr verstreut, das ist unser Problem. Es nützt einem Dresdner wenig, wenn ein Düsseldorfer eine für ihn nützliche zeitversetzte Dienstleistung anbietet.
Brigitte.de: Wie viele Mitglieder hat Ihr Verein?
Mark-Peter Althausen: Die Zahl schwankt zurzeit zwischen 80 und 100. Dabei gehen wir von etwa 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung aus, die andere Schlafbedürfnisse haben als die Mehrheit. Darunter sind natürlich auch Zweitnormale, die ihren Zustand als krankhaft empfinden und Hilfe suchen. Ratschlaggeber, zum Beispiel Schlafforscher, sind uns aber grundsätzlich suspekt. In der Regel wollen sie uns Zweitnormale auf Erstnormalität biegen, zu denen halten wir also Abstand. Wir verstehen uns nicht als Selbsthilfegruppe, sondern als Interessenvertretung. Und wir haben es nicht eilig.
Brigitte.de: Wann stehen Sie auf?
Mark-Peter Althausen: Wenn es sein muss, krieche ich auch schon mal um vier Uhr früh aus den Federn. Ich brauche dann allerdings vier Stunden, um in den Tag zu kommen. Wenn ich es mir selbst einteilen kann, stehe ich zwischen acht und neun Uhr auf. Als ich im Erziehungsurlaub war, hatte sich meine Zeit auf halb zehn, zehn eingependelt. Da habe ich auch keine vier Stunden zum wach werden gebraucht.
Brigitte.de: Und wie sieht aus Ihrer Sicht der ideale Tag eines "Zweitnormalen" aus?
Mark-Peter Althausen: Auch noch um ein Uhr morgens normal im Supermarkt einkaufen gehen können, wie in Amerika. Eine harmonisierte Arbeitszeit, in der nicht nur die Tageszeit als Arbeitszeit angesehen wird. Dann wäre es vielen Menschen viel besser möglich, ihre Energie auszuschöpfen.













