Spätabtreibung: Eine Frau und ihre schwerste Entscheidung

Foto: Saimen!/photocase.com

Soll unser Baby leben? Es wird stark behindert sein, aber eigentlich ist es zu spät für eine Abtreibung. Eine Mutter erzählt von den quälendsten Tagen ihres Lebens - und ihrem Entschluss: Spätabtreibung.

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Ich lag im heißen Badewasser und zitterte vor Kälte. Mein schöner dicker Babybauch ragte aus dem Schaum, aber ich berührte ihn nicht. Versuchte, ruhig zu werden. Endlich wieder richtig denken zu können. Eine Entscheidung zu treffen, die ich nicht im nächsten Moment wieder umwerfen würde.

Seit mir der Pränataldiagnostiker die Diagnose Spina bifida genannt hatte, fror ich ständig. Unser Kind, das mich fröhlich in meinen Bauch boxte, sollte behindert sein, einen offenen Rücken und einen Wasserkopf haben? Zwei, drei Mal am Tag tauchte ich in der Wanne ab. Mein Mann hatte einen anderen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen: Er hatte sich ins Bett gelegt und die Decke über den Kopf gezogen. Heute kommen mir diese Wochen zwischen Diagnose und Abbruch vor etwas mehr als einem Jahr so irreal vor.

Die Kinder streichelten meinen Bauch, wir sprachen über das Baby.

Zwei Kinder hatte ich unproblematisch zur Welt gebracht. War beide Male nach acht Wochen wieder voll in meinen Beruf zurückgekehrt, unsere Kinder Leni und Tom wussten wir in der Krippe gut versorgt. Obwohl wir nach Toms Geburt vier Jahre nicht verhüteten, wurde ich nicht wieder schwanger. Dann wechselte ich die Frauenarztpraxis. Vielleicht war ein Knoten geplatzt, weil ich endlich aktiv wurde, vielleicht war es Zufall, jedenfalls wurde ich kurz nach dem Praxiswechsel schwanger.

Wir freuten uns sehr. Aber irgendwie hatte ich kaum Zeit, die Schwangerschaft zwischen Kindern und Job zu genießen. Endlich kamen die Weihnachtsferien. Zwei Wochen nur für meine Familie und die Schwangerschaft. Am letzten Ferientag frühstückten wir zusammen, die Kinder streichelten meinen Bauch, wir sprachen über das Baby.

Dann ging ich zu einem normalen Kontrolltermin bei meiner Gynäkologin. Ich war in der 30. Schwangerschaftswoche und fühlte mich wunderbar. Die Ärztin meinte während des Ultraschalls, mein Kind - sie sprach von einem Mädchen - sei ein wenig klein. Aber ich solle mir keine Sorgen machen, sie würde mich nur routinemäßig zu einem Pränataldiagnostiker überweisen.

Und ich war tatsächlich nicht beunruhigt: Ich bin sehr klein und zierlich, meine Kinder waren beide keine Riesen, als sie zur Welt kamen. Zwischen den Terminen feierten wir noch die Geburtstage von Tom und Leni mit großen Kinderpartys. Ich fühlte mich so sicher in meiner Schwangerschaft.

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  • Protokoll: Barbara Siefken
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