Migräne
Was kann ich bei Kopfschmerzen tun?

Lohnt es sich, zum Arzt zu gehen? Bilde ich mir Migräne bloß ein? Sind die Hormone schuld? Was Sie bei Kopfschmerzen tun können.

Foto: m.edi/photocase.de

1. Ihr Kopf ist krank - nichts anderes

Was tun wir nicht alles, um diesem Kopfzerbrechen ein Ende zu machen: lassen beim Augenarzt die Sehstärke testen, rennen wegen unseres steifen Nackens zum Orthopäden und ordern Massagen. Wir lassen uns die letzte Amalgamfüllung herausnehmen, und wenn der Leidensdruck ganz schlimm wird, denken wir sogar über eine Gebärmutterentfernung nach.

"Alles totaler Unsinn", sagt Prof. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik in Kiel. "Viele Patienten laufen von Arzt zu Arzt, um endlich die eine kleine Schraube zu finden, die locker sein könnte - die Ursache für das wiederkehrende Kopfweh." Aber die gibt es nicht. In 92 Prozent aller Fälle sind Kopfschmerzen schlicht Kopfschmerzen - also die eigentliche Erkrankung. Die Angst vor einer noch ernsteren Krankheit ist meist unbegründet. Kopfweh sollte man trotzdem nicht für harmlos halten.

Experten gehen davon aus, dass der deutschen Wirtschaft durch kopfwehbedingte Arbeitsausfälle jedes Jahr circa 15 Milliarden Euro verloren gehen. Was noch schlimmer ist: Kopfschmerzen können die Betroffenen daran hindern, richtig am Leben teilzunehmen. Darunter leiden dann auch Freunde und Familie. Migräne zum Beispiel zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den am stärksten behindernden Erkrankungen des Menschen. Noch extremer sind sogenannte Clusterkopfschmerzen, die meist nur periodisch auftreten und selten länger als drei Stunden dauern, aber sehr stark sind - die Betroffenen haben etwa das Gefühl, dass man ihnen mit Nadeln ins Auge sticht.

2. Doch, es lohnt, zum Arzt zu gehen

Fast drei Viertel aller Deutschen haben schon mal unter Kopfschmerzen gelitten: Bei 30 Prozent ist es Migräne, bei etwa 38 Prozent Kopfweh vom Spannungstyp, bei einem Prozent der extreme Clusterkopfschmerz. Trotzdem ahnen die meisten kaum was von ihrer Erkrankung, nur drei von zehn Migränepatienten wissen, wie ihre Krankheit heißt.

Betroffene gehen oft gar nicht zum Arzt oder zum falschen. So wird meist über Jahre keine klare Diagnose gestellt und auch keine wirksame Therapie angefangen. Zwar sind Migräne und andere Kopfschmerzen nicht ein für alle Mal heilbar. Aber die Anzahl der Attacken lässt sich deutlich verringern: "Allein die Anpassung des Lebensstils kann die Behinderung durch Migräne um 50 bis 80 Prozent reduzieren", sagt Göbel. Eine Liste mit Kopfschmerz-Spezialisten überall in Deutschland gibt es hier.

3. Sie selbst sind die wichtigste Kopfschmerzexpertin

Neben einer Untersuchung, durch die andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, geht es bei einem Arztbesuch vor allem darum, dass man als Patientin sehr genau von den Kopfschmerzen berichten kann. Nur so lässt sich eine sichere Diagnose stellen und eine passende Therapie finden. Deshalb ist es wichtig, vor dem Termin mindestens vier bis acht Wochen ein Schmerztagebuch zu führen (Wann? Wie lange? Art des Kopfwehs, Auslöser). So etwas gibt es mittlerweile auch als App.

Insgesamt unterscheiden Ärzte übrigens 252 verschiedene Kopfschmerz-Arten, aber die meisten von uns leiden unter zwei: Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp oder, sehr oft, an beiden abwechselnd. In diesem von der Schmerzklinik Kiel entwickelten Selbsttest können Sie ziemlich sicher herausfinden, was auf Sie gerade zutrifft:

Schmerz-Test

Beantworten Sie folgende Fragen, und bedenken Sie, dass Sie vielleicht auch unter verschiedenen Kopfweh-Typen leiden. Wenn Sie an mehr als zehn Tagen im Monat oder drei Tagen in Folge Schmerzmittel schlucken, laufen Sie Gefahr, Dauerkopfschmerzen durch Medikamentenmissbrauch zu bekommen und brauchen schnell fachärztliche Hilfe.

  • Test 1
    - Können körperliche Aktivitäten an frischer Luft die Kopfschmerzen verstärken?
    - Ist Ihnen während des Kopfwehs übel?
    - Behindern die Kopfschmerzen Sie erheblich?

    Wenn Sie diese Fragen mit Ja beantworten, leiden Sie vermutlich unter Migräne.
  • Test 2
    - Lassen körperliche Aktivitäten in frischer Luft die Kopfschmerzen unbeeinflusst, oder bessern sie sie sogar?
    - Ist während der Kopfschmerzen der Appetit ungestört?
    - Können Sie trotz der Schmerzen Ihren täglichen Aktivitäten nachgehen?

    Wenn Sie diese drei Fragen mit Ja beantworten, leiden Sie wahrscheinlich unter Kopfschmerzen vom Spannungstyp.
  • Test 3
    - Treten die Kopfschmerzen in Anfällen einseitig und sehr stark im Augen-Schläfen-Bereich auf und dauern 15 Minuten bis drei Stunden?
    - Werden die Kopfschmerzen auf der gleichen Seite von Augenrötung, Augentränen, Nasenlaufen, hängendem Augenlid oder Unruhe begleitet?

    Wenn Sie diese beiden Fragen mit Ja beantworten, leiden Sie vermutlich unter Clusterkopfschmerzen.

4. Migräne ist nicht eingebildet

Migräne ist genetisch bedingt - eine komplexe neurologische Erkrankung, die die Wissenschaft nur allmählich verstehen lernt. Es gibt keine Migränepersönlichkeit, man ist nicht "schuld" an dem Leiden. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass das Nervensystem von Menschen mit Migräne ständig unter Hochspannung steht und störanfälliger ist.

Wahrscheinlich ist eine Veränderung im Erbgut auf dem Chromosom 1 dafür verantwortlich. Bei Überlastung bricht die Energieversorgung der Nerven zusammen, die Zellen setzen zu viele schmerzauslösende Botenstoffe frei, es entsteht eine Art "neurogene Entzündung". Der meist einseitige, 4 bis 72 Stunden dauernde, hämmernde, pulsierende Schmerz setzt ein. Auslöser, sogenannte Trigger, gibt es viele: Stress, Nachlassen des Stresses, die Menstruation, Alkohol, Wetterumschwünge, Hunger, eine zu kurze Nacht.

Dr. Astrid Gendolla, Fachärztin für Neurologie mit Zusatzqualifikation Schmerztherapie und Psychotherapie in Essen, gibt dazu folgenden Tipp: "Fragen Sie auch Ihr Umfeld, ob Sie anders drauf sind vor einer Migräneattacke - auch das hilft, einen Anfall rechtzeitig mit den richtigen Medikamenten zu stoppen." Symptome, die der Migräneattacke vorausgehen können, sind zum Beispiel: Heißhunger, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Euphorie, vermehrter Harndrang.

5. Spannungskopfschmerz kommt nicht (nur) von Spannung

Bei Kopfschmerzen vom Spannungstyp gehen Ärzte nicht von einer genetischen Disposition aus, die genaue Ursache kennt man aber nicht. Wissenschaftler glauben, dass eine Störung des körpereigenen Schmerzabwehrsystems besteht. Der Name ist daher eher verwirrend: Der Begriff Kopfschmerz vom Spannungstyp heißt nicht, dass die Attacken durch Verspannungen etwa der Halswirbel ausgelöst werden.

Beschrieben wird damit eher das Gefühl eines drückenden Schmerzes, bei dem sich der Kopf oft wie in einem Schraubstock fixiert anfühlt. Auslöser können Angst, Stress, Depressionen, eine Störung des Kauapparats oder muskulärer Stress sein, also etwa, dass man zu lange am Schreibtisch oder im Auto gesessen hat. Wichtig: Verspannte Halswirbel sind eine Folge von Kopfschmerzen und fast nie ihre Ursache.

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  • Text: Christiane Würtenberger
    Ein Artikel aus BRIGITTE Balance
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