Akupunktur: Kleiner Pieks auf der Überholspur

Neue Studien weisen auf überraschende Erfolge von Akupunktur hin. Auch bei Krankheiten, die bislang eher klassisch behandelt wurden. Was kann die Nadeltherapie wirklich?

Wenn Patienten ihren Hexenschuss oder Tennisellenbogen in die Praxis der Sportmedizinerin Regina Schwanitz tragen, putzen sie sich die Zähne vermutlich besonders sorgfältig. Sie wissen, dass ihre Ärztin nicht nur nach blockierten Gelenken guckt, sondern auch ausgiebig in den Rachen blickt: Ist die Zungenspitze womöglich sehr trocken? Sind die Zungenränder geschwollen? Existiert ein Belag?

In acht von zehn Fällen greift die Ärztin dann zu dünnen Edelstahlnadeln, die sie wenige Millimeter tief in den Körper der Patienten setzt. Bereits seit 30 Jahren kombiniert die Rostockerin klassische Schulmedizin mit fernöstlicher Heilkunde - und erlebt gerade staunend mit, wie sich die einstige Außenseitermethode Akupunktur zu einer westlichen Standardtherapie entwickelt.

Geschätzte 45.000 Akupunkteure bieten mittlerweile in Deutschland ihre Künste an. Seit Anfang 2007 gibt es den heilsamen Pieks bei chronischen Rücken- und Knieleiden sogar auf Krankenschein. Gerade wenn die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende ist, vertrauen Patienten zunehmend auf Akupunktur. Zu Recht? "Bei Schmerzerkrankungen erzielt sie generell sehr günstige Ergebnisse", so Dr. Schwanitz. "Sie hilft aber auch bei funktionellen Beschwerden, etwa bei Reizdarmsyndrom oder bei seelischen Verstimmungen."

Weltweit läuft die Forschung auf Hochtouren, werden weitere Einsatzgebiete in Studien bestätigt oder verworfen. An ihre Grenzen stößt die Methode hauptsächlich dort, wo Organe erkrankt sind und Gewebe zerstört ist. Akupunktur repariert weder zerrupfte Bandscheiben, noch zaubert sie fehlenden Gelenkknorpel im Knie zurück. Doch immerhin: Wer langjährige Schmerzen loswird und seine alte Beweglichkeit zurückgewinnt, für den ist viel gewonnen.

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Hier wird es ein bisschen kompliziert, denn es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Im Modell der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) stellt die Nadelung den freien Fluss der Lebensenergie Qi wieder her. Dieses Qi durchströmt die Organe auf zwölf Hauptleitbahnen - sogenannten Meridianen -, die den ganzen Körper umspannen.

Wichtig für das Verständnis der chinesischen Medizin ist nicht zuletzt die Theorie der fünf Elemente. Schwanitz: "Diese Lehre aus dem Konfuzianismus ordnet alle Wandlungsprozesse in der Natur einem symbolischen Element zu, beispielsweise Feuer oder Erde." Die Wechselwirkung der fünf Elemente erklärt auch, in Verbindung mit dem taoistischen Gegensatzpaar Yin und Yang, wie der menschliche Körper arbeitet. Befinden sich Yin und Yang im Gleichgewicht und zirkuliert das Qi störungsfrei, dann ist der Mensch fidel. Liegt ein Ungleichgewicht vor oder ist das Qi in seinen Bahnen gestört, dann erkrankt er.

Und hier kann laut TCM die Akupunktur ansetzen. Das Ungleichgewicht im Energiesystem kann durch Untersuchung von Puls und Zunge aufgespürt werden, wie Schwanitz sie durchführt. Die äußerste Zungenspitze etwa repräsentiert das Herz, die Zungenwurzel hingegen die Niere. Allerdings: Streng wissenschaftlich ist diese Zungendiagnose bislang unbewiesen. Es hat auch noch kein westlicher Anatom einen Meridian im menschlichen Leib entdeckt. Und kein Röntgengerät oder Magnetresonanztomograph konnte diese Energieleitbahnen je sichtbar machen.

Überdies nähren neuere Studien den Verdacht, dass der Gang zum Nadeltherapeuten bei bestimmten chronischen Erkrankungen selbst dann wirksamer ist als die Kunst der Schulmedizin, wenn der Behandler sich nicht an die traditionell vorgeschriebenen Akupunkturpunkte hält, sondern daneben liegende Punkte nadelt ("Sham-Akupunktur").

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All das hat zur Folge, dass sich manche Anhänger der fernöstlichen Medizin bereits vom traditionellen Erklärungsmodell lösen. "Es ist nach den neuen Erkenntnissen nicht mehr eindeutig, welche Annahmen der Akupunkteur zugrunde legen muss, um erfolgreich zu therapieren", sagt Dr. Dominik Irnich, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz am Klinikum der Universität München.

Doch wenn Qi und Meridiane möglicherweise nur Verständnisbrücken sind für Dinge, die vor mehr als 2000 Jahren nicht anders zu erklären waren, wieso heilt Akupunktur dann überhaupt? Zum einen verbessert sich am Ort der Nadelung die Durchblutung, auf diese Weise lösen sich muskuläre Verspannungen. Zum anderen rufen die Stahlnadeln Nervenreize hervor, die die Weiterleitung von Nervensignalen an das Rückenmark hemmen und so die Schmerzübertragung blockieren. Bekannt ist auch, dass die Mini-Verletzungen über bestimmte Schmerzfühler elektrische Impulse an das Mittelhirn und das Großhirn schicken.

Das führt dazu, dass das Gehirn schmerzlindernde Peptide und stimmungsaufhellende Botenstoffe wie Serotonin ausschüttet. Einen enormen Einfluss auf die Psyche haben nicht zuletzt die ärztliche Zuwendung und die intensive Auseinandersetzung mit dem Patienten, die typisch ist für die Asia-Heilkunde. Bei kaum einem anderen medizinischen Verfahren gehen Therapeuten so intensiv auf ihre Patienten ein wie bei der Akupunktur.

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Doch ausgerechnet der Akupunktur-Boom könnte dazu führen, dass dies in Zukunft zu kurz kommt. Seit die Krankenkassen die Akupunkturbehandlung bei chronischen Rücken- und Kniebeschwerden bezahlen, holen sich manche Ärzte per Schnellkurs die Lizenz zum Stechen und nadeln anschließend wie am Fließband. "Natürlich fallen die Behandlungsergebnisse dieser Ärzte deutlich ab", so Irnich.

Man sollte zunächst darauf achten, dass dieser mindestens das sogenannte B-Diplom besitzt, das 350 Unterrichtsstunden beinhaltet. Bei Heilpraktikern oder Hebammen gibt es noch keine standardisierten Zertifikate. Nicht selten jedoch umfasst ihre Akupunkturausbildung mehr Stunden als bei den ärztlichen TCM-Kundigen (evtl. vorher beim Arzt ernsthafte Erkrankungen ausschließen lassen). Ebenso wichtig ist, dass der Behandler eine gründliche Diagnose stellt.

Eine Stunde und länger kann das Erstgespräch à la Chinoise dauern. Das kostet dann auch: Wird die Behandlung nicht von der Kasse bezahlt, werden für eine ausführliche TCM-Diagnose zwischen 60 und 120 Euro fällig. Jede Sitzung schlägt dann noch einmal mit rund 50 Euro zu Buche. Zeigt sich nach drei bis fünf Sitzungen keine deutliche Verbesserung der Beschwerden, war TCM wohl nicht der richtige Weg. Immerhin: Abgesehen von seltenen Nebenwirkungen wie muskelkaterähnlichen Beschwerden oder kleinen Blutergüssen bringt Akupunktur keine unerwünschten Begleiterscheinungen mit sich.

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Rückenschmerzen Akupunktur lindert chronische Kreuzschmerzen wirksamer als klassische Massagen, Krankengymnastik oder Medikamente - das zeigte eine große Studie. Der Erfolg stellt sich selbst dann ein, wenn der Arzt Nicht-Akupunkturpunkte nadelt (Sham-Akupunktur). Während die Schulmedizin nur 27 Prozent der Patienten helfen konnte, ging es nach zehn Nadelungs-Terminen knapp 48 Prozent der Patienten besser. Seit Anfang 2007 ist die Nadel-Behandlung deshalb Kassenleistung. (Privatversicherungen übernehmen die Akupunkturkosten bei Schmerzerkrankungen ohnehin.)

Arthroseschmerzen Bei Kniegelenksverschleiß wirkt Akupunktur laut Studie ebenfalls besser als Schulmedizin, selbst bei Sham-Nadelung. Nach 10 bis 15 Sitzungen ging es dank China-Therapie 51 Prozent der Behandelten besser, die Standardtherapie mit Medikamenten half 28 Prozent der Behandelten. Die Therapie wird deshalb von den gesetzlichen Kassen bezahlt. Auch bei Hüftarthrose oder Schulter-Arm-Syndrom lindert die fernöstliche Medizin Schmerzen und bessert die Beweglichkeit. Allerdings: Verlorenen Knorpel bringen weder Akupunktur noch klassische Schulmedizin zurück.

Fruchtbarkeitsstörungen Wenn Frauen während einer In-vitro-Befruchtung (IvF) mit Akupunktur behandelt werden, dann steigen ihre Chancen, schwanger zu werden, beträchtlich. Bereits zwei oder drei Sitzungen, kurz vor und nach dem Embryonentransfer anberaumt, heben die Schwangerschaftsrate auf 36 Prozent. Mit Scheinakupunktur - bzw. gar keiner zusätzlichen Behandlung - liegen die Erfolgsaussichten bei nur 26 Prozent. Das zeigt eine jüngst veröffentlichte Metaanalyse von 7 Studien mit insgesamt 1336 Frauen.

Bluthochdruck Menschen mit leichtem oder mittelschwerem Bluthochdruck können mit einer sechswöchigen Akupunkturbehandlung die Atü in ihren Adern spürbar senken: und zwar um 5 mmHg systolisch bzw. 3 mmHG diastolisch. Bleiben die Behandlungen aus, kehrt der Blutdruck nach einigen Monaten auf sein altes Level zurück. Bei Patienten mit Scheinakupunktur blieb der Blutdruck laut "Ärztezeitung" konstant hoch.

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Allergien Während bei Asthma die negativen Akupunktur-Studien überwiegen, scheint die Methode bei Heuschnupfen gut zu helfen. Kombiniert mit Allergie-Medikamenten, verbessert sich die Lebensqualität nach 10 bis 15 Sitzungen stärker als mit Medikamenten allein. Das ergab eine Untersuchung des Instituts für Sozialmedizin an der Charité Berlin. Akupunktur könnte auch dem lästigen Jucken etwa bei Kontaktallergien vorbeugen, lässt ein Experiment vermuten, das Ärzte an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie der Technischen Universität München kürzlich durchführten. Dabei lösten sie künstlichen Juckreiz an den Armen der Studienteilnehmer aus. Wer zuvor genadelt wurde, verspürte ein deutlich geringeres Kratzbedürfnis.

Reizdarmsyndrom Menschen mit Reizdarmsyndrom haben nach einer fünfwöchigen Akupunkturbehandlung weniger Bauchschmerzen. Das stellten Mediziner der Universitätsklinik Heidelberg jüngst in Untersuchungen an 43 Patienten fest, die jeweils zehn Nadelungen erhielten. Während das per Speicheltest gemessene Stresshormon Kortisol nur bei der Gruppe mit der Echtakupunktur sank, besserten sich Verdauung und Schlaf auch bei den scheinakupunktierten Teilnehmern.

Migräne Akupunktur macht Migräneattacken seltener. Laut einer Studie des Zentrums für naturheilkundliche Forschung der TU München, an der rund 300 Kopfschmerzpatienten teilnahmen, sank die Zahl der Anfälle nach zwölf Sitzungen von fünf auf zwei pro Monat. Auch in einer Studie im Auftrag der gesetzlichen Kassen schnitt Akupunktur bei Migräne gut ab. Trotzdem wird die Behandlung von den Kassen im Regelfall bisher nicht übernommen.

Endometriose Leider hilft Akupunktur gegen die Schmerzen (Dysmenorrhö) und starken Blutungen, die mit den Gebärmutterschleimhautwucherungen verbunden sind, kaum oder gar nicht. Kombiniert mit chinesischer Kräutertherapie, zeigten sich in einer Beobachtungsstudie jedoch überraschend gute Erfolge: Die Endometriose bildete sich zurück, Schmerzen und Blutungsanomalien nahmen ab.

BRIGITTE BALANCE Heft: 02/08 Text: Bernhard Hobelsberger Foto: Fotolia

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