Kann Ayurveda wirklich heilen?

Ayurveda helfen

Viele schwören auf die indische Heilkunst Ayurveda, um Stress abzubauen und ins Gleichgewicht zu kommen. Aber hilft sie auch bei richtig schweren Krankheiten wie Rheuma, Arthrose oder Krebs?

Zugegeben, ich bin skeptisch, als ich vor dem Eingang der Ayurveda-Klinik Habichtswald in Kassel stehe. Ölgüsse, Einläufe, lecker flüssige Butter trinken - das soll gegen Krankheiten helfen? Beim Empfang allerdings weder Räucherstäbchen noch indische Saris, das Ambiente erinnert eher an ein gepflegtes Hotel der gehobenen Mittelklasse. Service wird großgeschrieben. Kein Wunder, sind doch die meisten Patienten hier Stammgäste, die sich immer mal wieder eine ein- bis dreiwöchige Ayurveda-Kur für rund zwei- bis viertausend Euro gönnen. Und diese aus eigener Tasche bezahlen.

Mir bleibt noch Zeit, mein Zimmer ohne Fernseher, dafür mit Parkblick, zu beziehen, dann steht eine Informationsveranstaltung mit dem Leiter der Klinik, Dr. Ananda Chopra, auf dem Programm. Ich bin nicht krank, ich möchte mich hier bloß mal in Ruhe umsehen. Erster Eindruck: wohltuend pragmatisch, wie der Mediziner die ayurvedischen Verfahren, die er in Indien erlernt hat, in sein schulmedizinisches Wissen aus Deutschland integriert. Kein Widerspruch, findet Chopra, denn Ayurveda verlange ohnehin die Anpassung der Therapie an die individuellen Lebensumstände des Patienten - und hier in Kassel ist das eindeutig unser westlicher Lebensstil.

Im Vortrag gibt es erst mal ein paar Grundlagen für die Patientinnen und Patienten: In der traditionellen indischen Heilkunst des "Wissens vom Leben" wird versucht, durch Ernährung und Lebensstil das Gleichgewicht der für jeden Menschen charakteristischen Mischung verschiedener Energien (die so genannten Doshas namens Pitta, Vata und Kapha) aufrechtzuerhalten. Wenn einzelne Doshas z. B. durch Stress oder falsche Ernährung zu stark oder zu schwach werden, ist die Balance gestört, und der Mensch wird krank. Das betrifft nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele.

Das gestörte Gleichgewicht kann, so die ayurvedische Lehre, durch die gezielte Auswahl von Nahrungsmitteln, Meditation und Yoga und durch Reinigung des Körpers (Panchakarma) wieder hergestellt werden. Zum Panchakarma gehören zum Beispiel das Trinken von Ghee (geklärter Butter), Ölmassagen und Öl-Stirngüsse, Schwitzkuren und Einläufe mit KräuterÖl- Mischungen. Je nach individuellem Dosha-Typ und Krankheit werden auch sehr unterschiedliche ayurvedische Präparate aus Kräutern, Mineralien und Metallen eingesetzt.

Klingt alles ein bisschen seltsam, doch z. B. zu hoher Blutdruck, Kniegelenksbeschwerden, chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn oder Rheuma können mit Ayurveda tatsächlich erfolgreich behandelt werden, so Dr. Chopra. Das belegen inzwischen sogar wissenschaftliche Studien.

Brigitte Schmidt*, eine stattliche und gepflegte Endfünfzigerin aus einer norddeutschen Kleinstadt, schwört jedenfalls auf Ayurveda zur Entschlackung und gegen ihre Kniegelenksarthrose. In ihrem Alltag hilft sie anderen Menschen als Therapeutin. Doch alle zwei Jahre nimmt sie eine Auszeit in der Klinik, nicht zuletzt, weil sie bei einer schweren Erkrankung ihrer Tochter die Erfahrung gemacht hat, "wie gewalttätig die Schulmedizin sein kann". Ihre Knieschmerzen sind dank Ayurveda tatsächlich dauerhaft besser geworden, "außerdem nehme ich während und nach einer Ayurveda-Kur viel leichter und ohne Hunger ab".

An die Kasseler Ayurveda-Klinik wenden sich auch viele Krebspatienten, um nach belastenden Therapien wieder zu Kräften zu kommen. Schließlich befindet sich im selben Haus eine Fachklinik für Onkologie. Waltraut Wagner etwa erholte sich hier vor mehr als zehn Jahren von den Folgen einer intensiven Chemound Strahlentherapie und gönnt sich seither alle zwei bis drei Jahre eine Ayurveda-Kur.

Im Gespräch mit ihr fällt ihre ungewöhnliche Heiterkeit und Gelassenheit auf - eine positive Grundhaltung, die sie sich durch eine radikale Änderung ihres Lebensstils und gegen viele Widerstände aus Familie und Freundeskreis erarbeitet hat. "Ich hatte das Gefühl, dass ich durch Ayurveda von allen Giften der Therapie befreit wurde. Hier habe ich meine Selbstheilungskräfte wieder aktiviert." Sie ist überzeugt davon, dass dadurch ihre Krebsmetastasen verschwunden sind.

Doch Heilung von Krebs versprechen seriöse Ayurveda-Therapeuten auf keinen Fall. Obwohl einige ayurvedische Substanzen möglicherweise eine tumorhemmende Wirkung haben, wird Ayurveda bisher vor allem eingesetzt, um Nebenwirkungen der Chemo- oder Strahlentherapie zu lindern oder die Erholung nach Abschluss der Therapie zu fördern. Erfahrene Krebsspezialisten wie Hartmut Henß vom Tumorzentrum Freiburg im Breisgau raten sogar zur Vorsicht im Umgang mit ayurvedischen Heilmethoden bei Krebs: "Intensive Reinigungsprozeduren wie Einläufe können für Krebspatienten zu strapaziös sein."

Und Prof. Karsten Münstedt, der Patientinnen in der Komplementäronkologischen Beratungsstelle der Frauenklinik des Universitätsklinikums in Gießen zum Thema alternative Heilmethoden berät, ist zwar überzeugt, dass in einigen Ayurveda-Kräutern Potenzial für die Behandlung von Krebs liegt. Doch leider "gleicht die Suche nach wirksamen Substanzen dem Stochern nach Goldstücken in einem Haufen Mist".

Wissenschaftlich einwandfreie Studien müssten erst zeigen, welche Präparate wirklich einen Nutzen bringen. Vieles im Ayurveda bleibt also noch immer unerklärlich und rätselhaft. Und so werden die extrem guten Erfahrungen von Patienten und Ayurveda-Ärzten nicht immer durch Studien bestätigt. Für Dr. Chopra ist das nicht weiter verwunderlich. "Im Ayurveda wird nicht ein Symptom mit einem bestimmten Präparat behandelt, sondern es wird eine ganze Palette von ayurvedischen Verfahren wie Kräuter, Öle, Nahrungsmittel angewendet, die ganz individuell auf den Patienten zugeschnitten sind. Das lässt sich eben unheimlich schwer standardisieren."

In den Gesprächen mit Patientinnen in der Kasseler Klinik ist mir jedenfalls klar geworden: Wenn die Schulmedizin Menschen mit chronischen Beschwerden in eine Sackgasse führt, kann Ayurveda eine zusätzliche Chance bieten. Und die würde ich auch ergreifen, wenn es mir schlecht ginge.

*Name von der Redaktion geändert

Ayurveda auf eigene Faust

Im Prinzip ja. Mit einem entsprechenden Fragebogen kann man recht genau den eigenen Dosha-Typ ermitteln und dann z.B. gezielt die Ernährung umstellen oder sich täglich mit den passenden Ölen einölen. Mit ayurvedischen Kräutermischungen gegen Krankheiten sollte man dagegen vorsichtig umgehen, denn bei der Anwendung kann auch einiges schiefgehen. So setzen Krebspatienten manchmal auf das Kräuterpräparat Liv.52, das eigentlich zur Entgiftung der Leber dienen soll. Doch Bestandteile dieser Mischung wie Senna können Leber und Herz auch schädigen. Und Schwarzer Nachtschatten kann schlimmstenfalls sogar Speiseröhrenkrebs verursachen.

Kann Ayurveda auch schaden?

Die ayurvedische Kräuterapotheke - das sind mehrere tausend Produkte. Nur wenige davon sind, z. B. von indischen Behörden, systematisch auf ihre Sicherheit und Verträglichkeit getestet worden. Und es gibt noch mehr Probleme: Ist im Produkt wirklich drin, was draufsteht? Wie hoch sind die wirksamen Substanzen konzentriert? Und wie stark sind die Kräuter eventuell mit Schwermetallen aus Spritzmitteln belastet?

Eine kürzlich veröffentlichte amerikanische Studie kam zum Ergebnis, dass jedes fünfte ayurvedische Präparat schädliche Mengen von Blei, Quecksilber oder Arsen enthielt. Seriöse Händler lassen ihre Kräuter regelmäßig von unabhängigen Instituten auf Fremd- und Schadstoffe testen, die Analysen kann man einsehen.

Wo findet man seriöse Therapeuten?

Ayurveda ist kein geschützter Begriff. Jeder kann sich Ayurveda-Therapeut nennen. Da lohnt es, sich erst einmal umzuhören und kritisch nachzufragen, welche Qualifikation ein Therapeut erworben hat. Ein medizinischer Hintergrund (Medizinstudium, Krankenpflege, Physiotherapie) sollte auf jeden Fall da sein.

Ein paar Wochen Kurs in Indien sind nicht unbedingt ein Qualitätsbeweis, denn dort gibt es oft so große sprachliche und kulturelle Missverständnisse, dass keine vernünftige Ausbildung für Europäer möglich ist. Vorsicht auch, wenn starker weltanschaulicher Druck ausgeübt wird. Ayurveda ist in seiner Reinform ideologisch völlig neutral.

Welche Wirkungen sind durch Studien bewiesen?

Systematisch untersucht werden ayurvedische Therapien erst seit einigen Jahren. Klinische Studien nach wissenschaftlichen Qualitätsstandards und mit ausreichend vielen Patienten sind rar. Dennoch gibt es einige viel versprechende Ergebnisse:

Kurkuma zum Beispiel ist nicht nur ein beliebtes Gewürz in der Ayurveda-Küche, sondern auch ein Heilmittel. Studien haben gezeigt, dass die Pflanze möglicherweise krebshemmend ist. Es konnten damit sogar schon Vorstufen von Krebs der Mundschleimhaut zum Verschwinden gebracht werden.

Weihrauch (Boswellia serrata) ist schon länger im Gespräch als entzündungshemmende Pflanze und wirksame Medizin gegen Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn. Studienergebnisse des Tübinger Professors Herman Ammon legen nahe, dass die Pflanze bei chronischen Entzündungen eine Alternative zu synthetischen Medikamenten sein könnte.

Für die ayurvedischen Kräuterzubereitungen MAK-4 und MAK-5 (Maharishi Amrit Kalash) gibt es erstaunliche Ergebnisse im Tierversuch. Italienische Forscher fanden kürzlich heraus, dass sie bei Mäusen das Wachstum von Leberkrebs hemmen können. Ob diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen werden können, ist noch nicht ausreichend untersucht.

Auch gegen Kniegelenksprobleme helfen einer indischen Studie zufolge ayurvedische Kräuter. Das Präparat RA-11 (mit Ginseng, Weihrauch, Kurkuma, Ingwer) kann chronische Knieschmerzen bei Knorpelabnutzung offenbar lindern.

Besonders überraschend war eine neuere britische Studie: Juckbohnenpulver (Mucuna pruriens) hatte hier bei Patienten mit Parkinson im direkten Vergleich mit Anti-Parkinson-Medikamenten sehr gut abgeschnitten. Allerdings wurden bisher nur wenige Patienten getestet, größere Studien stehen noch aus.

Noch mehr Infos - wichtige Adressen rund um Ayurveda

Vor Ort: Eine stationäre Behandlung gibt es in der Habichtswald-Klinik in Kassel, Tel. 05 61/31 08 99, www.ayurveda-klinik.de. Telefonsprechstunde: Montag 11.30 Uhr bis 12 Uhr und Freitag 14 Uhr bis 14.30 Uhr, Telefon 05 61/31 08-829

Im Ausland: Eine neue "Portalklinik" für Ayurveda- Medizin in Castrop-Rauxel bietet Vorbereitung, Beratung und Vermittlung von Ayurveda-Kuren für chronisch Kranke in drei indischen Kliniken. Die Kosten: ca. 2000 Euro für drei Wochen inkl. Flug. Kontakt: Medical Park Ruhr Europaplatz 3-11, 44575 Castrop-Rauxel, Telefon: 023 05/445 54 00

Gute Therapeuten: Eine seriöse Adresse für die Ausbildung von Therapeuten ist die Europäische Akademie für Ayurveda (www.ayurveda-akademie.org, Tel. 060 54/91 31-0). Auf der Website finden sich auch Hinweise auf Anbieter von Kuren.

Zum Kaufen: Auf Schadstoffe geprüfte Ayurveda- Produkte vertreiben zum Beispiel: Euroved GmbH, Tel. 026 52/52 77 56, oder www.euroved.com und Ayurveda International, Tel. 089/790 46 80, www.ayurveda-seva.de.

Text: Dr. Sabine Thor-Wiedemann Fotos: Fotolia Ein Artikel aus der BRIGITTE 22/08

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