Musiktherapie: Der richtige Sound gegen Schmerzen

Frau im Gras

Musik macht gute Laune und entspannt. Neu ist, dass sie vermehrt zur Behandlung von ernsthaften Erkrankungen eingesetzt wird.

Musiktherapie: Der richtige Sound gegen Schmerzen

Zwei, drei Töne nur reichen, um die Gänsehaut auf dem Rücken zu spüren. Die Tränen, die in die Augen schießen, die Rührung, die die Kehle zuschnürt. Das Video von Paul Potts, der bei der englischen Version von "Superstar" mit italienischen Opern brillierte, ist so ziemlich das Ergreifendste, was derzeit auf YouTube zu sehen ist. Wer es anschaut, erlebt buchstäblich am eigenen Körper: Musik macht etwas mit uns.

Und zwar fast das Gleiche wie guter Sex: Ein wahrer Hormoncocktail flutet Körper und Kopf, wenn man bewusst Musik hört - jedenfalls dann, wenn es angenehme Töne sind. Die Musik wirkt wie Sex direkt auf das Belohnungssystem im Gehirn: Endorphine, körpereigene Opiate, werden ebenso ausgeschüttet wie das anregende Dopamin, beide sorgen für Glücksgefühle und Wohlbefinden. Die Gänsehaut beim Musikhören nennen Forscher deshalb sogar "Hautorgasmus".

Den Glückseffekt von Musik kennt man schon ziemlich lange. Im Alten Testament beispielsweise gibt es die Geschichte vom schwermütigen König Saul, der David herbeirufen lässt, damit dieser ihm auf der Harfe vorspiele. Und in der griechischen Medizin setzten Ärzte Heilgesänge ein, um Leiden zu mildern. Doch immer mehr verdichten sich die Anekdoten zu handfestem Wissen: Musik kann tatsächlich heilende Kräfte haben. Musik hören, selbst machen oder singen - alle Formen haben spezielle Wirkungen.

Musikhören: Schluss mit Ängsten und Depressionen

Im Gehirn gibt es nicht nur ein Areal, das für Musik zuständig ist; die Töne bringen ein ganzes Netzwerk von Nervenzellen sozusagen zum Klingen: Sie wirken im Großhirn, das für die bewusste Wahrnehmung und für Erinnerungen zuständig ist, im Kleinhirn, das Bewegungen und Gleichgewicht steuert, sowie im limbischen System, dem Gefühlszentrum.

Musiktherapie: Der richtige Sound gegen Schmerzen

Die vielen Gehirnareale, die vor allem beim bewussten Musikhören beansprucht werden, könnten erklären, warum man dabei ziemlich leicht in eine entspannte Selbstvergessenheit geraten kann, ähnlich einer Meditation, bei der man an nichts anderes mehr denkt. Und in der auch Schmerzen weniger wahrgenommen werden: Studien zeigen, dass chronische Schmerzpatienten weniger Schmerzmittel benötigen, wenn sie Musik hören.

Auch bei der Behandlung von Depressionen kann Musik nachweislich unterstützen, indem sie Ängste löst und bei der Entspannung hilft. Die garantiert wirksame Musik für ein besseres Gefühl gibt es allerdings nicht. "Bei der Auswahl sind die Hörgewohnheiten wichtig, da das Wohlgefühl für den Entspannungseffekt mitentscheidend ist", sagt Beatrix Evers-Grewe, erste Vorsitzende der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft. Sie empfiehlt eine Orientierung an den eigenen Vorlieben.

Musik nach dem Geschmack ihrer Patienten lassen einige Musik-Mediziner inzwischen sogar während Operationen laufen. Denn Studien haben gezeigt: Jeder zweite Patient braucht unter Musikeinfluss weniger Beruhigungsmittel, bei einigen Eingriffen kann die richtige Musik sogar das Schmerzmittel ersetzen. Messungen ergaben, dass während des Musikgenusses deutlich weniger Stresshormone im Körper unterwegs sind - das könnte das Schmerzempfinden verringern, vermuten Forscher.

Weniger die hübsche Melodie als vor allem den Rhythmus machen viele Wissenschaftler inzwischen als den entscheidenden Stresskiller in der Musik aus: Die regelmäßige Struktur könnte verschiedene Körperprozesse, die bei Stress aus dem Takt geraten, wieder synchronisieren. Der Musik-Rhythmus kann offenbar dem Biorhythmus auf die Sprünge helfen: So senkt Musik bei Patienten auf der Intensivstation Herzrhythmus und Blutdruck und normalisiert bei Epileptikern die Hirnströme. Und Parkinson-Patienten, die Schwierigkeiten mit dem Laufen haben, können oft im Takt von Musik wieder leichter gehen.

Aber nicht nur das Zusammenspiel verschiedener Körperfunktionen lässt sich durch Musik in den Takt bringen - sie verbessert auch die Schwingungen zwischen Menschen. Dass riesige Säle plötzlich wie ferngesteuert im Gleichtakt zu Musik klatschen, ist dabei nur ein äußeres Zeichen: Eine japanische Studie hat gezeigt, dass zumindest bei Männern, die gemeinsam mit anderen musizieren, weniger aggressiv machendes Testosteron im Blut kursiert, dafür aber mehr vom sogenannten Bindungshormon Oxytocin, das soziale Beziehungen intensiviert.

Musikmachen: Neues Selbstbewusstsein tanken

Musiktherapie: Der richtige Sound gegen Schmerzen

Der Griff in die CD-Sammlung ist eine praktische Schnellhilfe, um die heilsame Wirkung von Musik zu erfahren. In einigen Fällen aber ist selbst Musizieren wirkungsvoller. "Bei einer psychotherapeutischen Zielsetzung ist aktives Musizieren das Mittel der Wahl", erklärt Evers-Grewe. Und zwar am besten bei einem ausgebildeten Musiktherapeuten.

So eine aktive Musiktherapie kann nachweislich bei chronischen Schmerzen, zum Beispiel Kopfschmerzen, helfen und die Behandlung von Depressionen oder Angststörungen unterstützen. Denn in der Musiktherapie können Patienten lernen, mit Instrumenten ihre Gefühle auszudrücken - und so auch neues Selbstbewusstsein tanken.

"Die Art, wie man Instrumente spielt, ist oft sehr eng verbunden mit der Art, wie man das Leben insgesamt angeht", sagt Beatrix Evers-Grewe. Wählt ein Patient beispielsweise erst einmal zaghaft die Triangel, schlägt er wahrscheinlich auch im echten Leben eher leise Töne an, ist ziemlich zurückhaltend und hat wenig Selbstvertrauen. "Das Medium Musik bietet die Möglichkeit, spielerisch ein Stück weit in eine nicht vertraute Richtung zu gehen und zu experimentieren", erklärt die Expertin den Effekt der künstlerischen Therapie. "Es ist wie ein ständiges Als-ob: Auch wenn ich nur ein Triangelspieler bin, spiele ich jetzt mal, als ob ich ein Trommler wäre und übernehme dadurch eine wichtigere und lautere Rolle."

Für musikalische Anfänger stehen in der Musiktherapie einfach zu spielende Schlag- und Saiteninstrumente bereit, z. B. Trommeln, Xylofon, Gong, Harfe oder Leier. Vorkenntnisse braucht man dafür nicht - nur ein wenig Mut, sich an die Instrumente zu wagen: Wichtiger als musikalischer Wohlklang ist es in der Musiktherapie, sich überhaupt zu trauen, die eigenen Gefühle durch die Musik zum Ausdruck zu bringen. Damit lassen sich Ängste überwinden, verschiedene Reaktionen testen und man lernt, Situationen nach eigenen Wünschen zu beeinflussen.

Doch nicht nur bei psychischen Problemen hat sich die Musiktherapie bewährt: Auch Schlaganfallpatienten können z. B. mit Trommeln lernen, ihre Bewegungen nach einer Lähmung wieder zu koordinieren: Oft gelingt das Musizieren schon, obwohl normale Alltagsbewegungen noch nicht wieder möglich sind. Die Methode "Musikunterstütztes Training" wirkt einer Studie zufolge deutlich besser als Krankengymnastik und übliche Reha-Maßnahmen. Und bei Tinnitus, lästigen Ohrgeräuschen, kann eine spezielle Musiktherapie nachweislich helfen, mit dem Lärm im eigenen Kopf besser klarzukommen.

Singen: Fitness für Körper und Seele

Die vielleicht effektivste Methode, die heilenden Kräfte der Musik zu spüren, ist es, den eigenen Körper als Instrument zu nutzen - und einfach loszusingen.

Wer singt, entwickelt fast spielerisch ein tieferes Bewusstsein für seinen Körper, verbessert die Körperhaltung und steigert das Selbstvertrauen. Aber auch die Gesundheit profitiert vom Trällern ganz beträchtlich: Regelmäßiger Gesang bringt Herz und Kreislauf auf Trab und wirkt fast genau so wie eine Runde Jogging, sagt der Musiktherapeut Wolfgang Bossinger: Singend wird die Atmung gleichmäßiger und tiefer, Sauerstoffaufnahme und Durchblutung werden angekurbelt. Die Produktion der Stresshormone Adrenalin und Kortisol wird gedrosselt und die Ausschüttung von Melatonin gesteigert - das Hormon sorgt für einen erholsamen Schlaf.

Auch die Körperabwehr kommt durch die Stimm-Musik auf Touren: Eine Studie der Universität Frankfurt zeigte, dass Singen den Anteil an Immunglobulin A im Speichel merklich ansteigen lässt - der Antikörper schützt vor Atemwegsinfekten. Probanden, die die Musik lediglich hörten, konnten ihre Abwehrkräfte hingegen kaum steigern.

Und vielleicht am wichtigsten: Die selbst erzeugte Musik erhöht die psychische Widerstandskraft. Der Musikpsychologe Dr. Karl Adamek verglich Sängerinnen und Sänger mit nicht singenden Menschen. Sein Ergebnis: Menschen, die regelmäßig singen, sind zudem seelisch belastbarer und optimistischer, leiden seltener unter Frust oder Depressionen und können mit Problemen und Konflikten besser umgehen.

Singen kann darüber hinaus auch bei schweren Sprachstörungen helfen: So gelingt es Menschen, bei denen nach einem Schlaganfall das Sprachzentrum im Gehirn geschädigt ist, mit einer speziellen Therapie (Melodic Intonation Therapy) über das Singen zur Sprache zurückfinden, hat eine Studie gezeigt. Singen und Sprechen werden im Gehirn in zwei verschiedenen Gehirnarealen verarbeitet - und offenbar kann das Singareal die Fähigkeiten des zerstörten Sprachzentrums übernehmen.

Die musikalische Hausapotheke

Bei Schlafproblemen: Als Schlummerhilfe eignet sich ruhige Musik mit abfallenden Melodien und rund 60 Beats pro Minute. Denn dieser Rhythmus entspricht etwa unserer Ruhe-Herzfrequenz.

Bei Stress: Der Bienen-Atem aus dem Yoga sorgt für tiefe Entspannung: Im Sitzen ruhig und tief atmen, dem eigenen Atem lauschen. Dann beim Ausatmen leise summen, die Lippen sanft schließen, die Vibration erspüren, hörbar durch die Nase einatmen. Fünf Minuten, dann normal atmen und dem Summen nachspüren.

Bei häufigem Schnupfen: Bei einer schwachen Abwehr sollten Sie Ärger nicht runterschlucken, sondern stattdessen ein paar Minuten singen. Aufgestaute Wut schwächt unser Immunsystem für Stunden, Singen fährt es wieder hoch.

Bei trüber Stimmung: Singend tricksen Sie schlechte Laune aus. Da die Gesichtsmuskeln sich beim Singen anspannen, als ob wir lachen würden, schaltet unser Gehirn in beiden Fällen auf Fröhlichkeitsmodus um.

Die Musiktherapie

In Kliniken und Praxen werden Einzel- und Gruppensitzungen angeboten, in denen Patienten entspannender Musik lauschen oder mit Unterstützung eines Therapeuten selbst musizieren und singen. Behandelt werden u. a. Menschen mit Depressionen, Suchterkrankungen, Ess- und Angststörungen sowie verhaltensauffällige oder behinderte Kinder. Die Therapiekosten werden jedoch von den Krankenkassen in der Regel nicht übernommen.

Infos zur Musiktherapie gibt's beim Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung (www.dzm.fh-heidelberg.de bzw. www.musik-heilt.de) und bei der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (www.musiktherapie.de).

Zum Weitersingen

Die heilenden Klänge der Mantras von Mohani Heitel, Südwest Verlag, 96 S., 17,95 Euro.

Chanten - Eintauchen in die Welt des heilsamen Singens von Wolfgang Bossinger, Wolfgang Friederich, Südwest Verlag, 112 S., 19,95 Euro.

7 Geheimnisse der Klangheilung von Jonathan Goldman, Südwest Verlag, 112 S., 17,95 Euro.

Meridian-Singen & Qi-Gong-Übungen: Der spezielle Heilgesang von Dr. Karl Adamek setzt Gesundheitsimpulse und gleicht nach Traditioneller Chinesischer Medizin ein schädliches Zuviel oder Zuwenig an Energie aus. Ein Übungsbeispiel gibt's als Video unter www.karladamek.de

Text: Michaela Rose Illustration: Silke Werzinger Ein Artikel aus der BRIGITTE-Balance 04/08

Wer hier schreibt:

Michaela Rose
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