Tibetische Medizin: Heilung am Ende der Welt

Monika Murphy-Witt hatte jahrelang mit Asthma zu kämpfen. Bis sie nach Indien fuhr, in eine Klinik für Tibetische Medizin.

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Drei Finger liegen auf jedem meiner Unterarme. Die Zeigefinger spüre ich kaum. Auch die Mittelfinger drücken nur leicht. Doch die Ringfinger von Dr. Dawa Choedon bohren sich fast bis auf meine Knochen durch. Ganz still ist es in dem kleinen Raum. Durchs Fenster sehe ich Berge, Ausläufer des Himalaya, oben leicht mit Schnee überzuckert. Noch immer kann ich es kaum glauben: Ich bin tatsächlich hier, im nordindischen Dharamsala, dem Exilsitz des Dalai Lama, in der von ihm 1961 gegründeten weltbekannten Men-Tsee-Khang-Klinik für Traditionelle Tibetische Medizin.

"Bekommen Sie schlecht Luft?", fragt mich die Ärztin plötzlich auf Englisch. Ich tauche aus meinen Gedanken auf. Wie viel Zeit ist vergangen? Zehn Minuten, fünfzehn? Es ist die erste Frage überhaupt, die sie an mich richtet. Und die trifft gleich ins Schwarze. Nur mit den Fingerspitzen hat sie in mich hineingehorcht und sofort meine Schwachstelle aufgespürt. Ohne Hightech-Hilfsmittel und ohne auch nur das Geringste von mir zu wissen, hat sie genau das entdeckt, weshalb ich vor ihr sitze: mein Asthma.

Was-fehlt-Ihnen-denn-Fragen gibt es hier nicht. Die tibetischen Ärzte verlassen sich auf ihr Fingerspitzengefühl. Die Pulsdiagnose ist ihre Spezialität. Jahrelange Erfahrung ist nötig, um das feine, je nach Geschlecht, Tages- und Jahreszeit unterschiedliche Pochen zwölf verschiedener Pulse zu unterscheiden, daran Krankheiten und die individuelle Konstitution abzulesen. Nur wenige Ärzte können das. Dr. Dachoe, wie sie in tibetischer Kurzform heißt, gehört dazu.

Noch einmal fühlt und horcht sie, überlässt einen Arm kurz ihrer Assistentin, tauscht sich mit ihr auf Tibetisch aus, inspiziert meine Zunge, schaut mir in die Augen, stellt ein paar weitere Fragen und misst meinen Blutdruck. Dann verschwindet sie, um meinen mitgebrachten Morgenurin mit einem Stäbchen zu verquirlen und danach Schaum, Farbe und Geruch zu begutachten. "Sie haben eine Badkan-Disbalance", verkündet sie schließlich, "vermehrte Schleimproduktion. Deshalb Bronchitis und Asthma. Außerdem ist die linke Niere zu kalt. Wenn Sie nichts dagegen tun, führt das zu Durchblutungsstörungen. Aber die Leber ist in Ordnung!"

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  • Text: Monika Murphy-Witt
    Fotos: laif; privat
    BRIGITTE Heft 01/08
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