Säureblocker: "Ich konnte mir ein Leben ohne Pillen nicht vorstellen"

Sie helfen bei starkem Sodbrennen und Magengeschwüren, doch Säureblocker werden zu sorglos und zu häufig geschluckt. Und können auf Dauer Probleme machen.

Fast zehn Jahre lang habe ich sie genommen. Jeden Tag, vor dem Frühstück: Tablette, ein Glas Wasser, fertig. Die Namen der Mittel wechselten im Lauf der Zeit, ich wechselte die Hausärzte - das Ritual aber blieb stets das Gleiche, ich habe es nie wirklich hinterfragt. Schließlich verhinderte es doch zuverlässig, dass Magensäure meine Speiseröhre hinaufkroch und sie reizte. So konnte ich Espresso trinken, hin und wieder ein Glas Weißwein - und das alles ohne unangenehmes oder schmerzhaftes Sodbrennen.

Billig. Wirksam. Harmlos. Es ist dieser pharmazeutische Dreiklang, der sogenannte Protonenpumpen-Inhibitoren oder -hemmer, kurz PPI, bei Medizinern und Patienten hierzulande so beliebt macht. 3,5 Milliarden Einzeldosen wurden im vergangenen Jahr auf ärztlichen Rat hin genommen. Nicht eingerechnet sind dabei die Präparate, die Menschen auf eigene Faust schlucken. Seit 2009 besteht für einige PPI keine Verschreibungspflicht mehr; laut Deutschem Apothekerverband werden davon jährlich etwa vier Millionen Packungen verkauft.

Wie harmlos sind Säureblocker?

Billig sind Pantoprazol, Omeprazol oder Esomeprazol (alle PPI kann man am Wortende "prazol" erkennen) tatsächlich - werden Nachahmerpräparate, sogenannte Generika, verordnet, kostet eine einzelne Tablette oder Kapsel weniger als 30 Cent. Und wirksam sind die Arzneien auch. "Sie setzen spezifisch dort an, wo das Problem liegt", erklärt Felix Friedrich, Facharzt für Pharmakologie am Universitatsklinikum Hamburg-Eppendorf. Zielgerichtet blockiert das Medikament die Herstellung der Magensäure, die oft der Grund für Geschwüre oder eine entzündete Speiseröhre ist. Damit bietet das Mittel einen zuverlässigen Magenschutz, schaltet unangenehme Beschwerden aus oder beugt ihnen vor.

Bleibt die Frage nach der Harmlosigkeit. "Wir reden hier von einem guten Medikament, wenn es sinnvoll eingesetzt wird", sagt Christian Trautwein, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). In diesem "wenn" jedoch liegt das Problem. Denn Trautwein stellt auch klar, dass man die Tabletten nicht wie Smarties schlucken sollte.

Genau diese Tendenz aber gibt es mittlerweile: Die Verordnungszahlen sind in den letzten 20 Jahren um das 18-Fache gestiegen. Ein Zuwachs, der sich weder durch mehr Erkrankungen noch die alternde Bevölkerung erklären lässt. Christian Trautwein glaubt, dass die Rezeptfreiheit außerdem dazu verführen kann, den Magenschutz auch nach einer durchzechten Nacht oder einem schweren Essen zu nehmen. Und Pharmakologe Felix Friedrich verweist auf die USA, wo die Säurehemmer inzwischen bereits als Lifestyle-Pillen vermarktet würden: "Zu fett gegessen? Nimm PPI. Zu viel getrunken? Nimm PPI."

Medikamente zur Vorbeugung? Bitte nicht!

Das ist die eine Seite des Siegeszuges der Protonenpumpenhemmer: Menschen, denen der Magen drückt und die sich deswegen mal eben schnelle Hilfe in der Apotheke besorgen. Auch ich habe mir die Tabletten schon ohne Rezept dort geholt - und die Beratungsleistung bestand dann meist darin, dass ich gefragt wurde, ob ich das Medikament denn kenne.

Die andere Seite aber sind Ärzte, die PPI reflexhaft verschreiben. "Natürlich ist es sinnvoll, den Magen zu schützen, wenn über längere Zeit Schmerzmittel oder Cortison gegeben werden", so Christoph Straub, Chef der Barmer-Ersatzkasse. Denn diese Medikamente greifen die Schleimhaut des Organs an und steigern so das Risiko für Entzündungen oder Geschwüre. Fakt ist aber auch, dass nur bei Patienten jenseits der 60 deswegen Säurehemmer zur Vorbeugung empfohlen werden, wenn sie zum Beispiel Ibuprofen schlucken. Tatsächlich passiert das aber häufig genauso bei Jüngeren.

Auch bei einem Aufenthalt im Krankenhaus verordnen Mediziner oft sicherheitshalber PPI: Schließlich müssen Patientinnen und Patienten Untersuchungen über sich ergehen lassen, Medikamente nehmen und sind insgesamt gestresst, sodass Magenblutungen ausgelöst werden könnten. Und die enden schlimmstenfalls sogar tödlich. Ist verglichen damit ein Säurehemmer nicht das kleinere Übel?

Das wollten auch Mediziner der Harvard Universität wissen und untersuchten das Risiko, in der Klinik Blutungen der Magenschleimhaut zu erleiden. Die Forscher entwickelten ein Punktesystem, um einschätzen zu können, bei wem der Einsatz von PPI gerechtfertigt ist. Das Ergebnis: Nur 13 Prozent der Krankenhauspatienten müssten einen Säureblocker nehmen.

PPI können "Rebound" auslösen

Das Fatale an dem routinemäßigen Einsatz der Medikamente in der Klinik: Oft wird daraus eine Dauertherapie. Denn PPI haben die unangenehme Begleiterscheinung, einen sogenannten "Rebound" auszulösen. Das heißt: Setzt man den Wirkstoff abrupt ab, bekommt man erst recht starkes Sodbrennen.

Wie weit das gehen kann, hat eine Studie aus Dänemark gezeigt. Dort gab man jungen, gesunden Teilnehmern acht Wochen lang das Mittel Esomeprazol. Hinterher klagte fast die Hälfte über Refluxprobleme, die sie vor der Einnahme des Medikaments nie hatten. Das heißt: PPI können selbst genau die Beschwerden erzeugen, gegen die sie eingesetzt werden. "Ein Teufelskreis, bei dem die Betroffenen immer wieder zu den Magensäureblockern greifen", sagt Barmer-Chef Christoph Straub.

Ich kann das bestätigen. Hatte ich bei einer Kurzreise meine Tabletten vergessen, trieb mich schon bald heftigstes Sodbrennen in die Apotheke. Und als die 20 Milligramm täglich nicht mehr wirkten, setzte mein Hausarzt die Dosis auf 40 hoch, zwischenzeitlich nahm ich auch 80 Milligramm. Ich konnte mir ein Leben ohne PPI nicht vorstellen. Genau das kann allerdings zum Problem werden: die dauerhafte Einnahme. Denn inzwischen gibt es Studien über größere Zeitspannen, die nahelegen, dass die Säureblocker langfristig nicht ganz so harmlos sind.

Durch die verringerte Magensäure kann der Körper nämlich zum Beispiel Kalzium schlechter verstoffwechseln und das Osteoporose-Risiko steigt. Anderen Untersuchungen zufolge fördert eine langjährige Medikation Nierenerkrankungen und Magnesiummangel. Außerdem werden Infektionen mit bestimmten Durchfallerregern wahrscheinlicher. Und bei dauerhafter Verordnung sollte der Vitamin B 12-Spiegel regelmäßig gemessen werden - denn auch hier kann es durch die PPI zu einem Mangel kommen, der das Immunsystem schwächt oder sogar zu Depressionen führen kann. Male, die meine Hausärzte bei mir in zehn Jahren den B12-Spiegel überprüft haben: null.

Einnahme sollte kein Ritual werden

Mich hat auch kein Mediziner jemals wieder gefragt, ob und wie das verordnete PPI denn wirkt. Ich habe mich nur eines Tages selbst gefragt, ob ich für den Rest meines Lebens die tägliche Tablette schlucken möchte. Und ich hatte das Glück, schließlich an einen Facharzt zu geraten, der nicht standardmäßig und dauerhaft PPI verordnet: Zwar sagt auch Dr. Grischa Terheggen, dass die Blocker wirksame Medikamente sind, "sie haben die Behandlung von säurebedingten Erkrankungen revolutioniert".

Aber der Kölner Gastroenterologe hat mir auch erklärt: Es reicht, die Hemmer nur dann zu nehmen, wenn das Brennen in der Speiseröhre mal wieder besonders schlimm ist, und alternativ Mittel mit pflanzlichen Wirkstoffen zu probieren. "Gaviscon" aus Algenbestandteilen etwa, das einen Schutzfilm auf die Säure in meinem Magen legt. Außerdem empfahl er Verhaltensänderungen: nicht so spät essen, auf kleinere Portionen achten, nach den Mahlzeiten viel trinken.

Ich habe fast zehn Jahre lang Protonenpumpenhemmer geschluckt, jeden Tag. Jetzt nehme ich sie bei Bedarf, nicht mehr als Ritual, sondern wenn das Brennen besonders heftig wird. Weil ich einen Arzt habe, der ein gutes Medikament nicht verteufelt - aber das macht, was auch Christian Trautwein fordert: "Genau hinschauen."

Wer hier schreibt:

Markus Brügge

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