Verweile doch...
Am Ende wird alles genau richtig sein. Das Wasser. Der Himmel. Die Stille. Ich weiß. Genau deshalb bin ich ja heute hierher gefahren, zum Waldsee, eine Stunde vor der Stadt. Habe Handy und Armbanduhr zu Hause gelassen, gleich neben dem zentimeterdicken Stapel mit den Unterlagen, an denen ich mich seit Tagen abarbeite. Nichts soll hier draußen klingeln, ticken, stören, ablenken. Dieser Spätsommertag ist ein Geschenk. Von mir an mich selbst. Als Belohnung für den Stress und die Hektik der letzten Wochen. Ein unendliches Meer unverplanter Zeit, in dem ich mich treiben lassen darf, in welche Richtung auch immer. Keine Termine, keine Pflichten, keine Verantwortung. Nur ich und der See.
Die Kulisse, in der ich sitze, ist perfekt: Über meinem Kopf rascheln die Blätter, vor meinen Füßen glitzert das Wasser. Die Luft schmeckt nach sommerwarmer Erde. Und der Baumstamm in meinem Rücken fühlt sich so fest und beruhigend an wie die dicke Haut einer Elefantenmutter. Ganz gefahrlos könnte ich jetzt meine Gedanken von der Leine lassen. Könnte mir wilde Geschichten über die Wolkenfrauen am Horizont zusammenfabulieren, die Mücken über dem Wasser zählen oder mich einfach auf die Wärme des Waldbodens konzentrieren. Doch meine Gedanken spielen einfach nicht mit. Sie weigern sich, mal eben loszuschweben, krallen sich stattdessen pflichtbewusst im Kopf fest und versuchen mit ganzer Kraft, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Darfst du das überhaupt, flüstern sie, müsstest du nicht? Wenigstens das Handy hättest du mitnehmen können! Wenn jetzt jemand Wichtiges anruft...
Ich stehe auf. Muße auf Knopfdruck klappt nicht. Hätte ich irgendwie ahnen können. Einen rasenden Zug kann man auch nicht ohne längeren Bremsweg stoppen. Unser Körper funktioniert ähnlich gemächlich: Damit wir wirklich entspannen können, müssen die Stresshormone im Blut erst mal abgebaut werden. Und das kann dauern. Deshalb fällt uns auch das Abschalten an den ersten Tagen im Urlaub oft so schwer, macht uns die Zeitwüste, die sich angesichts unverplanter Wochenenden plötzlich vor uns ausbreitet, manchmal eher nervös als glücklich. Laut einer Studie der Sporthochschule Köln sollen zwei Drittel aller berufstätigen Deutschen Probleme damit haben, sich in ihrer freien Zeit wirklich zu erholen. Scheinbar gehöre ich dazu. Na wunderbar.
Also los. Am besten erst mal ein paar Schritte gehen, sich die aufgestaute Energie von der Seele laufen, runterkommen. Trotz der Waldidylle um mich herum fremdeln wir noch ganz schön, die Muße und ich - kein Wunder, wir hatten ja auch lange nichts mehr miteinander zu tun. Es war meine Schuld, ich weiß, nie hatte ich Zeit für sie, immer etwas anderes Dringendes zu erledigen. Packte selbst die Abende und alle Wochenenden mit Verabredungen voll, wurde so zur Meisterin im Multitasking und Terminjonglieren. "Vergleichzeitigung" nennen Zeitforscher wie der Münchner Karlheinz Geißler diesen Simultan-Marathon, vor allem Frauen neigen dazu. Freiwillig oder weil es nicht anders geht. Etwa, wenn neben dem Beruf auch noch eine Familie zu managen ist. Oder weil man sich mit mehreren Jobs gleichzeitig über Wasser halten muss.
Die Muße, das scheue Geschöpf, zieht sich bei all der Hektik aus unserem Leben zurück. Hinterherlaufen, nein, das tut sie keinem, sie weiß doch, wer sie ist. Generationen von Philosophen und Dichtern haben ihr schon gehuldigt, als "Schwester der Freiheit" verehrte sie Aristoteles, als "Mutter aller Musen" betete Goethe sie an. Lange Zeit galt das Nichtstun als einzig wahre Glückseligkeit, der Müßiggang als edelste aller Daseinsformen. Erst als Protestantismus und Geldwirtschaft die Arbeit zum eigentlichen Sinn des Lebens adelten, büßte die Muße ihren guten Ruf ein.













