Bye-bye Rückenschmerzen! DIESE Methoden helfen gegen Beschwerden

Rückenschmerzen

Jeder Fünfte sucht einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen den Arzt auf. Betroffen sind vor allem Frauen. Wie sich der Blick auf das Volksleiden Nummer ein verändert hat, erklären wir hier. 

Wie ein Messer bohrte sich der Schmerz in meinen unteren Rücken. Von einem Augenblick auf den anderen hatte es mich erwischt. Verdreht, zu schwer gehoben, zu viel gearbeitet? Keine Ahnung, und ich kam nicht dahinter — auch wenn ich jetzt viel Zeit zum Nachdenken hatte. Denn neben starken Schmerzmitteln und Muskelrelaxanzien verschrieb mir mein Arzt Bettruhe. Gängige Therapie vor 30 Jahren.
 Bettruhe? Heute schütteln Mediziner darüber entsetzt den Kopf. Und schicken Betroffene stattdessen zu Trainingsprogrammen.

Die Behandlung von Rückenschmerzen hat sich grundsätzlich verändert. Ihre Ursache oft auch. So leidet die Wirbelsäule heute seltener unter Abnutzung durch körperliche Arbeit. Schuld an Beschwerden sind eher mangelnde Bewegung, ständiges Sitzen und Dauerstress beim 24/7-Spurt durchs Leben. Bei 85 Prozent aller Rückenpatienten lassen sich gar keine körperlichen Ursachen feststellen, so das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ). Rückenschmerzen werden heute als Folge unseres Lebensstils betrachtet, genau wie Diabetes oder Bluthochdruck. Und anders als früher gibt es keine verordnete Entschleunigung mehr.

Betroffene müssen selbst für Auszeiten sorgen und etwas für sich tun. Denn um die Beschwerden zu behandeln, reicht weder ein Medikament noch eine Operation. Da sind sich Experten inzwischen einig, und genau das sagt auch die ganz neue Nationale Versorgungs-Leitlinie für diese "nicht-spezifischen Kreuzschmerzen" (www.kreuzschmerz.versorgungsleitlinien.de), an der sich Ärzte bei der Behandlung orientieren sollen. Viele Faktoren gilt es zu berücksichtigen, für jeden Betroffenen muss eine ganz individuelle Therapie gefunden werden. Doch einige allgemeingültige große Trends im Umgang mit Rückenschmerzen zeichnen sich dabei ab. 

Die Psyche: Bewältigung statt Durchhalten

Bandscheibenvorfall, Hexenschuss, Reizung des Ischiasnervs, verspannte Muskeln — das waren früher die gängigen Vermutungen, wenn der Rücken schmerzte. Inzwischen wissen selbst eingefleischte Schulmediziner, dass auch belastende Lebensumstände und die Seele dahinterstecken können. Experten vermuten sogar, dass Stress, Arbeitsverdichtung, Leistungs- und Selbstoptimierungsdruck in unserer Gesellschaft so auf uns lasten, dass deswegen in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen haben.

Die Leidtragenden sind in den meisten Fällen Frauen. In allen Altersgruppen haben sie häufiger Probleme mit dem Kreuz als Männer. Kein Wunder, schließlich reagieren sie — auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird — empfindlicher auf Schmerzen.

"Laboruntersuchungen zeigen: Frauen sind schmerzsensitiver und haben eine geringere Schmerztoleranz als Männer. Aber sie sind im Alltag auch oft extrem mehrfach belastet. Und sie haben häufig schlechte Strategien, um Schmerzen zu verarbeiten", sagt Professor Monika Hasenbring.

Die Leiterin der Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Ruhr-Universität Bochum weiß aus Erfahrung: "Viele Frauen beißen die Zähne zusammen und arbeiten weiter. Sie verharren in ihren Pflichten und gönnen sich nicht einmal kurz Erholung." Durchhalten um jeden Preis. So kann sich aus einem anfangs "banalen" Kreuzschmerz zum Beispiel durch langes Sitzen am Schreibtisch ein chronisches Leiden entwickeln.

"Gerade wenn der Arzt nichts Organisches findet, sind die Patienten extrem verunsichert", sagt die Psychologin. "Sie haben Angst, als Simulant zu gelten, zweifeln am Doktor und gehen zum nächsten. Bei der Bewältigung ihrer Schmerzen hilft ihnen das nicht." Vermeiden ließe sich eine solche Spirale nur dadurch, dass
 das Problem so früh wie möglich
 ganzheitlich betrachtet wird.
 Monika Hasenbring fordert des
halb: Schon bei der ersten Un
tersuchung sollte der Arzt auch
die Lebensumstände, "Stresso
ren" und psychologische Risi
kofaktoren erfragen: einseitige körperliche Belastungen oder Mobbing im Job, drohender Verlust des Arbeitsplatzes, Streit in der Familie, Verlust des Partners, Betreuung älterer Eltern. Leider wird dies bisher von Ärzten noch viel zu selten getan.

Dem Patienten könnte es doppelt helfen: Zum einen bekäme er eine Erklärung für seine Beschwerden, zum anderen ergäben sich dadurch wichtige Hinweise für die Therapie. Und für den Umgang mit den Schmerzen. "Durch Beratung in den ersten drei Monaten lässt sich viel erreichen. Betroffene erfahren so, wie sie ihren Lebensstil und ihr Verhalten im Alltag selbst ändern können. Statt durchzuhalten, lernen sie, wie sie für sich persönlich den nötigen körperlichen und mentalen Ausgleich schaffen", sagt Monika Hasenbring. Dass sich durch solche individuellen Strategien und Selbstfürsorge viele Beschwerden lindern lassen, beobachtet sie gerade bei den Teilnehmern einer Studie, deren Ergebnisse sie demnächst veröffentlichen wird.

Die Diagnostik: Hände statt Röhre

Noch immer denken viele Ärzte: Keine Diagnose ohne Bilder. Zwar werden inzwischen weniger Patienten Röntgenstrahlen ausgesetzt als noch vor Jahren, dafür legen sie sich in die Röhre eines Magnetresonanztomografie-Gerätes (MRT). Rund sechs Millionen solcher Bilder der Wirbelsäule wurden 2015 gemacht, hat die Studie "Faktencheck Rücken" der Bertelsmann Stiftung festgestellt, viele davon überflüssigerweise. Denn bildgebende Diagnostik sollte ohne Verdacht auf gefährliche Ursachen erst nach vier bis sechs Wochen eingesetzt werden, so die neue Leitlinie. "Die meisten unspezifischen Rückenschmerzen verschwinden innerhalb weniger Wochen von selbst wieder. Ähnlich wie eine Erkältung. Wenn keine weiteren Beschwerden wie etwa Lähmungen auftreten, müssen Betroffene deswegen nicht unbedingt sofort zum Arzt", sagt Dr. Oliver Wolf, Chefarzt des Rücken- und Schmerzzentrums an der Johannesbad Fachklinik in Bad Füssing.

Außerdem wird überschätzt, was so ein Bild bringt. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung meinen, dass bildgebende Verfahren zuverlässig die Ursache ihrer Schmerzen zeigen könnten. Doch das stimmt so nicht. "Ein Bild allein ist wenig aussagekräftig, oft besteht kein Zusammenhang zwischen dem, was darauf zu sehen ist, und den Beschwerden", so Oliver Wolf. Aber warum werden sie dann gemacht? Nur um sie abrechnen zu können? "Der Hausarzt ist heute einem enormen Forderungsdruck von kritischen und vermeintlich informierten Patienten ausgesetzt", sagt Oliver Wolf. "So veranlasst er Untersuchungen, mit deren Ergebnis er oft selbst gar nichts anfangen kann." Die Folge: Der Hausarzt verlässt sich auf den Radiologen, der die Bilder macht. Was in dessen Bericht als "Befund" steht, wird als Ursache angenommen. Doch damit kann er ziemlich danebenliegen.

Mit Hightechdiagnostik lässt sich vermutlich bei jedem eine degenerative Veränderung an der Wirbelsäule oder eine Bandscheibe finden, deren Gallertkern die ihn umgebenden Fasern durchbrochen hat und den Rückenmarksnerv einengen kann (genau das ist ein Bandscheibenvorfall) – auch ohne dass wir deswegen jemals Schmerzen haben. "Ich verlasse mich neben der Eigenbeurteilung technischer Befunde zusätzlich auf meine Hände und darauf, den Patienten von Kopf bis Fuß gründlich anzuschauen", so Oliver Wolf. Denn vielleicht ertasten die Finger verhärtete Muskeln, die keine Aufnahme abbildet. Oder hinter akuten Beschwerden steckt ein blockiertes Kopfgelenk oder ein Fehlbiss statt des Bandscheibenvorfalls, der auf der Aufnahme zu sehen ist.

"Nur wenn Bildgebung, Untersuchungsbefund und Schmerz wie ein Puzzle zusammenpassen, ist die Ursache gefunden. Nur dann kann die Behandlung wirklich erfolgreich sein", weiß der Orthopäde aus seiner täglichen Erfahrung in der Akutklinik.

Ständig neue Aufnahmen, wenn die Beschwerden sich nicht verändern, bringen für die Therapie gar nichts. Im Gegenteil. "Mit vielen Bildern, die oftmals nicht richtig interpretiert werden, erreicht man höchstens, dass der Patient nicht die adäquate Behandlung bekommt und seine Rückenschmerzen dadurch chronisch werden können", warnt Oliver Wolf. "Oder noch schlimmer: dass er unnötigerweise operiert wird." Von chronischen Schmerzen sprechen Experten, wenn diese seit mindestens drei bis sechs Monaten bestehen und den Betroffenen in seiner Lebensqualität nicht nur physisch, sondern auch seelisch und sozial beeinträchtigen. Bei jedem zehnten Rückenschmerz-Patienten ist das der Fall.

Die Behandlung: Eigenverantwortung statt OP

Ach, es war auch sehr bequem: Früher konnte man die Verantwortung für seine Gesundheit an den Arzt abgeben, sich ins Bett legen und eventuell auf den Operationstisch, aber auf die Gerätebank beim Krafttraining musste man nicht. Noch heute wünschen sich das manche und lassen sich schnell operieren — auch weil sie hoffen, dadurch früher wieder fit zu sein. Meist ein Irrtum. "Beim Bandscheibenvorfall ist da kein großer Unterschied zu einer konventionellen Behandlung", sagt Dr. Hans-Peter Köhler, Chefarzt der Klinik für Wirbelsäulen- und Neurochirurgie am Asklepios Westklinikum Hamburg-Rissen.

"Selbst wenn der Schnitt heute nur noch drei Zentimeter lang ist statt 15, der Blutverlust geringer, die Narkose kürzer und besser – es sollten alle konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um einen Eingriff zu vermeiden." Der Experte weiß aus Erfahrung: Eine Garantie dafür, dass die Schmerzen nach einer Operation verschwunden sind, gibt es nicht; etwa acht Prozent der Operierten bekommen zudem einen zweiten Bandscheibenvorfall. So lassen etliche Betroffene irgendwann Teile ihrer Wirbelsäule in einem weiteren Eingriff versteifen, als vermeintlich letzten Ausweg aus jahrelangem Leiden.

Trotzdem verzeichnet die Wirbelsäulen-Chirurgie, wie der Krankenhausreport der Barmer GEK feststellt, deutliche Zuwächse. Allein rund 100 000 Bandscheibenoperationen werden in Deutschland jährlich durchgeführt. "Dabei kommen 90 Prozent der Patienten ohne Operation wieder auf die Beine", sagt Hans-Peter Köhler. Die Warnlampen sollten, so Experte Köhler, nur bei einer starken Lähmung in Bein und Fuß, unkontrolliertem Harn- oder Stuhlverlust und extremen akuten Schmerzen aufleuchten. Bei diesen "Red Flags" ist eine Operation nötig, um dauerhafte Schäden zu verhindern.

Entscheiden kann dies am besten ein erfahrener Arzt, der das ganze Spektrum der Behandlungsmethoden kennt. Patienten sollten deshalb auf die Qualifikation der Ärztinnen und Ärzte achten, z.B. auf ein Zertifikat der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft. Dass es besser ist, erst mal konventionell zu behandeln, gilt nicht nur für den Bandscheibenvorfall. Dabei sind Eigenverantwortung und Mitarbeit des Patienten gefragt. Aktivität statt Passivität ist heute die Devise. Wer schnell wieder fit sein will, muss seine Gesundheit mit guter Begleitung selbst in die Hand nehmen. Eine Sache mehr, um die wir uns kümmern müssen, aber wir profitieren tatsächlich davon.

Der Alltag: Bewegung statt Bett

Schonen ist passé! Bettruhe, so wie früher, ein No-Go. Sowohl bei unspezifischen Rückenschmerzen als auch bei Beschwerden nach einem Bandscheibenvorfall ohne schwerwiegende Folgen raten Experten, gewohnte Alltagsaktivitäten beizubehalten und gezielt in Bewegung zu kommen – mit oder ohne therapeutische Unterstützung. Dehnen verspannter Muskeln, Lockern verklebter Faszien, Medizinische Trainingstherapie (MTT), Geräte- und Fitnesstraining, aber auch Entspannungsmethoden sind angesagt, anfangs in Kombination mit Schmerzmitteln.

Das Wichtigste: raus aus dem Schreibtischstuhl und runter vom Sofa. Denn das stundenlange Sitzen ist Gift für den Rücken, viele Beschwerden werden durchs Stubenhockerdasein selbst gemacht oder verstärkt. Schuld daran ist nicht nur die mechanische Überlastung der Wirbelsäule durch eine starre Sitzhaltung. Fehlende Bewegung schadet dem ganzen Körper. So werden Bandscheiben wie Gelenkknorpel nicht übers Blut mit Nährstoffen versorgt, sondern durch Gelenk Flüssigkeit, die erst durch Bewegung dort ankommt. Muskeln verlieren an Masse, schwächeln, Faszien verkleben, wenn sie nicht gedehnt werden.

Fürsorge für den eigenen Körper steht heute nicht nur im Hinblick auf die Rückengesundheit hoch im Kurs. Manchmal kann das auch bedeuten, Bewegung in festgefahrene Lebensgewohnheiten zu bringen, belastendes Übergewicht zu reduzieren oder eine Ernährung, die Beschwerden wie Muskelverspannungen begünstigen kann, zu verändern. Selbst Verantwortung zu übernehmen, 
statt sich unter einer Bett
decke zu verkriechen, so
 heißt heute
 das Rezept. Ist 
das nicht etwas viel verlangt – gerade wenn sowieso schon viel auf einem lastet?

"Aktivität ist wichtig, allerdings nicht um jeden Preis. Das wäre fatal", sagt Monika Hasenbring. Denn wenn der normale Alltag ohnehin schon eng getaktet ist, macht es wenig Sinn, ihn mit "Bewegungsterminen" noch mehr zu überfrachten. "Entscheidend ist, eine gesundheitsförderliche Aktivität zu entwickeln", betont die Psychologin.

"Gerade Frauen, die sich ständig überfordern, sollten akzeptieren, dass ihre eigene Überlastungssituation nicht 'normal' ist. Sie müssen dringend ihr Lebenskonzept überprüfen, lernen, Pausen einzulegen und ihre Belastung auf ein erträgliches Maß herunterzuschrauben."

Abschied von der 24/7-Verfügbarkeit. Auch das kann Therapie sein. Wer das nicht allein schafft, sollte so früh wie möglich Hilfe durch erfahrene Experten bekom- men. Dazu gehören neben Schmerz- und Bewegungsspezialisten auch Psychologen, mit deren Hilfe beispielsweise ungesunde Durchhaltestrategien verändert werden können. "Jeder muss mit guter fachkundiger Begleitung seinen individuellen Weg finden", sagt Schmerztherapeut Oliver Wolf. Multimodal statt eindimensional – so sollte heute behandelt werden. Denn nur so lässt sich verhindern, dass Beschwerden chronisch werden.

BRIGITTE Woman 08/2017

Wer hier schreibt:

Monika Murphy-Witt

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