Leseprobe: "Citygirl" Barbara Stcherbatcheff
Am nächsten Tag tradete ich schweigend. Charlie sagte immer, wir müssten unsere Emotionen in der Lobby lassen, und mir machte das nie Probleme. Je nüchterner ich war, desto mehr Geld verdiente ich. Die restliche Woche war ich verdammt nüchtern.
"Was haben Sie heute gemacht? Erklären Sie mir Ihre Trades." Ich fühlte mich merkwürdig beruhigt, wenn Charlie zu mir schlich, wie er es am heutigen Freitag tat. Seine Gegenwart erinnerte mich daran, dass zumindest ein Teil der City konstant war. Seit dem Ende des letzten Jahres war er viel lockerer geworden. Ich glaube, er war nicht mehr unmittelbar für uns verantwortlich. Er musste immer noch ein Auge auf uns haben, aber jetzt stand dabei sein Ruf nicht mehr auf dem Spiel und ich glaube, in Wirklichkeit kontrollierte er uns nur noch, weil er sich wirklich für unsere Ansichten über den Markt interessierte.
Zu diesem Zeitpunkt gab es auf jeden Fall viel Gesprächsstoff. Anfang 2007 hatte man das Gefühl, als würde der Markt von Tag zu Tag härter und verwirrender werden. Natürlich gelingt nicht jeder Trade nach Wunsch – wie könnte das auch sein? Aber bis zu diesem Stadium hatte ich immer viel mehr gewonnen, als verloren. Jetzt kam ich nur noch auf null raus. Die Tatsache, dass Roach und Gordon ihre albernen Liebesspiele aufgegeben hatten, wenn Charlie herkam, war ein weiteres Anzeichen für den Ernst der Lage. Anfang 2007 wollten auch sie seine Trading-Ideen hören. Wenn ich es mir überlegte, war das ziemlich beunruhigend. Was ging da bloß vor?
"Es wird härter werden", sagte Charlie. "Es gibt eine Menge Unterströmungen am Markt. Ab jetzt wird es schwieriger, Trends zu erkennen. Wir werden durchkommen, aber wir müssen uns konzentrieren." Roach und Gordon sagten nichts, als Charlie wieder ging. Eine Weile tradete keiner von uns. Irgendwo schaltete irgendjemand die Hälfte der Fernseher im Büro von Fußball auf Kricket um. Ich hasste dieses blöde Spiel. Ich schaute auf und nahm das Schauspiel in mich auf, das wir als "Büro" bezeichneten. Alle waren da, wie gewöhnlich. Alle arbeiteten ganz normal. Aber tief drinnen kam es mir ganz anders vor. Wegen meines Sinns für die Musik im Markt war ich den Jungs manchmal ein Stückchen voraus gewesen. In letzter Zeit hörte ich gefährliche Misstöne. Manchmal schrillten in meinem Geist Alarmglocken. Die Kreditklemme hatte begonnen.
"Die City. Das Girl. Die Geschichte. Eine Insiderin packt aus" erscheint am 15. Februar im Verlag Börsenmedien und kostet 24,90 Euro.













