Stress: "Mein Job frisst mich auf"

Arbeiten bis in die Nacht, ständig unter Zeitdruck, keine Zeit für Freunde - und immer ein schlechtes Gewissen. Was tun, wenn der Stress das ganze Leben beherrscht?

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Wenn Sabine Schröder* von der Arbeit nach Hause geht, schwirren ihr manchmal ein paar Fragen im Kopf herum. Aufdringlich, hartnäckig, wie boshafte Stechmücken: Täglich unbezahlte Überstunden, lautet eine davon, warum machst du das mit? Willst du das? Und was ist mit deinem, na, wie hieß das doch gleich, Privatleben? In der Werbeagentur, in der die 35-Jährige als Texterin arbeitet, ist zwar offiziell um sechs Feierabend. Doch vor der "Tagesschau" verlässt sie das Gebäude selten; und wenn sich eine Sitzung sehr in die Länge zieht, kommt sie erst nachts um eins oder halb zwei nach Hause. Dann fühlt sich ihr Leben mal wieder an, als habe sich irgendjemand verrechnet: 15 Prozent privat. Plus 100 Prozent Job.

Eigentlich liebt Sabine Schröder ihren Beruf. Aber nicht immer tut das, was man liebt, auch wirklich gut. Nicht, wenn es irgendwann zu vereinnahmend wird, zu viel Zeit und Kraft raubt. So wie sich die Arbeitswelt in den letzten Jahren entwickelt hat, entsteht bei vielen Menschen mitunter das Gefühl, dass ihr Job solch eine gefährliche Liebschaft ist. Dass er sie fast aufzufressen droht: Wir sitzen abends nicht im Kino, sondern an eiligen Kongress-Unterlagen, wir kehren spätnachts von Geschäftsreisen zurück, nehmen am Wochenende Papierkram mit nach Hause. Dank Handy und Internet sind wir immer und überall für jeden erreichbar. Sogar im Urlaub. Und wer den Laptop tatsächlich mal ausgeschaltet lässt, der kann dafür gedanklich nicht mehr herunterfahren.

Ein Ausgleich zum Job wäre schon gut. Aber wann, bitte?

"Bis in die Nacht produziere ich unter Zeitdruck Ideen", sagt Sabine Schröder. "Danach fühle ich mich oft leer - und sehr weit weg von mir." Gleichzeitig hat sie ein schlechtes Gewissen, sich und anderen gegenüber: Ihre Freunde reagieren inzwischen nicht mehr so verständnisvoll wie früher, wenn sie ihnen kurzfristig absagt. Ihre Partnerschaft ging wegen des permanenten Zeitmangels kaputt. Und sie weiß zwar, dass sie sich einen Ausgleich zum Job suchen sollte, ein Hobby. Aber wann denn?

"Die Arbeitszeiten spielen meist eine große Rolle, wenn man das Gefühl hat, vom Job vereinnahmt zu werden", sagt Dr. Beate Beermann, Arbeits- und Organisationspsychologin an der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. "Tariflich sehen die zwar gut aus - aber in Wahrheit arbeiten viele Beschäftigte häufig mehr als 48 Stunden pro Woche." In einer bundesweiten Umfrage vermeldeten außerdem 95 Prozent der Betriebsräte, in den vergangenen fünf Jahren habe die Arbeitsbelastung deutlich zugenommen. Wir bilden es uns also keineswegs nur ein, dass der Job uns zu verschlingen droht. "Verantwortlich für das Gefühl sind aber zusätzlich meist emotionale Faktoren", so Dr. Beermann. Zum Beispiel wenig Anerkennung für engagiertes Arbeiten. Auch wer sich mit seinen Aufgaben dauernd über- oder unterfordert fühlt oder einen Vorgesetzten mit der Sozialkompetenz eines Einsiedlerkrebses hat, ist schneller unzufrieden und klagt, das Privatleben komme zu kurz.

* Name von der Redaktion geändert

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  • Text: Elke Michel
    BRIGITTE Heft 23/2006
Letzte Kommentare
  • Birgit R.
    am 15.04.11 um 00:58
    Ich bin seit 4 Wochen in einem neuen Job. Dort wird in Früh
    und Spätschichten gearbeitet. In der Spätschicht sehe ich meinen Lebensgefährten garnicht mehr. vielleicht 10 min., dann geht er ins Bett. Er muss früh raus. Da er auch am Samstag arbeiteten geht, haben wir sehr wenig gemeinsame Zeit. Wir leben aneinander vorbei. Haben auch wenig Kraft noch etwas zu unternehmen, da beide Berufe sehr anstrengend sind. Ich wünschte mir einen Teilzeitjob, um wieder mehr Zeit zu haben. Denn alles, auch der Haushalt, kommt zu kurz. Körperlich bin ich total ausgelaugt. Und das jeden Tag. Sex, keine Ahnung wann ich den mal wieder haben werde. Dieses Leben ist nicht befriedigend und ich möchte es nicht so fortführen.
  • Marion Dietrich
    am 14.04.11 um 21:09
    Ein sehr guter Artikel. Leider fehlen mir die Handlungsansätze für mehr als einzelne Personen. Natürlich sollte jeder Mensch für sich einen Ausgleich zum Job schaffen. Hier sind die Arbeitgeber in Zusammenarbeit mit den betriebsräten gefordert präventiv etwas für ihre MitarbeiterInnen zu tun.
    Betrieblicher Gesundheitsschutz sollte auch unter den Gesichtspunkten der psychischen Belastungen am Arbeitsplatz neu angegangen werden. Erfolgs- und Leistungsdruck sollte durch Motivation ersetzt werden. Nur dann kann langfristig erreicht werden, dass sie hohen Zahlen der psychisch Erkrankten wieder rückläufig wird.
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