Brigitte.de: Herr Katz, Sie haben eine Methode entwickelt, die mehr Gerechtigkeit bei Löhnen und Gehältern verspricht und den wundersamen Namen Abakaba trägt. Klingt ein bisschen nach Hokuspokus.
Christian Katz: Das ist die Abkürzung für "Analytische Bewertung von Arbeitstätigkeiten nach Katz und Baitsch" - Professor Christof Baitsch ist der Kollege, mit dem ich das System entwickelt habe. Abakaba soll dazu beitragen, Arbeit neu zu bewerten. Anschließend verdienen einige Beschäftigte, oft in typischen Frauenberufen, wirklich mehr.
Brigitte.de: Wie kamen Sie darauf?
Christian Katz: Krankenschwestern, Erzieherinnen und Physiotherapeutinnen haben vor Schweizerischen Gerichten geklagt, weil sie im Vergleich zu typischen Männerberufen zu wenig verdienen. Wir haben festgestellt, dass die Methoden, nach denen Jobs eingestuft werden, überholt sind. Bestimmte Fertigkeiten werden viel zu wenig berücksichtigt, Einfühlungsvermögen und psychische Belastbarkeit beispielsweise. Teilweise gehen die alten Bewertungssysteme auf Abkommen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus den fünfziger Jahren zurück! Damals hat man beispielsweise mehr Gewicht auf Körperkraft gelegt. Auch Stress wurde berücksichtigt, jedoch viel zu allgemein. Das Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann hat uns beauftragt, ein neues Messinstrument zu entwickeln, das zeitgemäß ist.
Brigitte.de: Was machen Sie anders?
Christian Katz: Wir fragen nicht abstrakt, ob sich jemand "belastet" fühlt. Sondern exakt: Wie oft werden Sie gestört? Können Sie Ihr Arbeitstempo selbst bestimmen? Werden Sie, wie Verkäuferinnen, ständig von Kunden und Vorgesetzten beobachtet? Kann Ihre Tätigkeit - wie bei Polizisten - bei anderen Menschen negative Gefühle auslösen? Sind Sie mit Leiden und Tod konfrontiert? Oder auch: Wie viel von Ihrer Arbeitszeit verwenden Sie darauf, mit anderen Menschen zu sprechen? Denn Kommunikationsfähigkeit ist eine wichtige Kompetenz. Für all das gibt es Punkte, und die werden am Ende in Geld umgerechnet.
Brigitte.de: Und Muskelkraft zählt gar nicht mehr?
Christian Katz: Doch, aber auch da messen wir genauer. Wir fragen nicht nur: Wie schwer ist der Gegenstand, den Sie tragen müssen? Sondern auch: Wie oft und wie lange müssen Sie etwas tragen? Ein Bauarbeiter schleppt schwere Dinge, aber nur kurze Zeit. Die Kellnerin leichtere, aber den ganzen Tag. Wir sagen: Das kann gleichwertig sein, denn beide sind am Abend gleich müde.
Brigitte.de: Hört sich an, als ob Sie die Betriebe komplett auf den Kopf stellen. Und die lassen sich das gefallen?
Christian Katz: Wir kommen ja nicht ungerufen, die Firmen melden sich bei uns. In der Schweiz waren das bislang etwa 30 Versicherungen, Banken, Verwaltungen. Wir haben bisher rund 3000 verschiedene Tätigkeiten analysiert. Früher wurden Arbeitsbewertungen nur in der Chefetage gemacht, weil man glaubte, die Beschäftigten selbst würden maßlos übertreiben. Wir haben die Angaben der Arbeitnehmer überprüft und festgestellt: Die Leute sind erstaunlich ehrlich.
Brigitte.de: Wie viel ändert sich durch Abakaba?
Christian Katz: Erfahrungsgemäß bleiben rund 70 Prozent der Gehälter gleich, der Rest teilt sich in Gewinner und Verlierer. Neulich haben wir eine kleine Bank untersucht. Von 53 Angestellten haben anschließend 15 mehr verdient, und zwar bis zu 600 Franken im Monat, umgerechnet 409 Euro. Fünf Leute müssten künftig eigentlich weniger bekommen. Aber es wurde vorher vereinbart, dass keinem etwas weggenommen wird. Der Betrieb muss jetzt unterm Strich zwei Prozent mehr Lohnsumme aufbringen.











