Leseprobe aus "Die Leiden eines Amerikaners" von Siri Hustvedt

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Meine Schwester schaute auf das blassbraune Blatt Papier. «‹Es spielt ja jetzt keine Rolle mehr, wo sie im Himmel ist, und für die anderen hier auf Erden auch nicht.› Jemand ist gestorben.» Sie schluckte hörbar. «Armer Pappa, er musste auf die Bibel schwören.»

Nachdem Inga, Sonia und ich elf Pakete mit Dokumenten nach New York City abgeschickt hatten, die meisten davon an meine Adresse in Brooklyn, und wieder in unseren jeweiligen Alltag zurückgekehrt waren, saß ich eines Sonntagnachmittags in meinem Arbeitszimmer und hatte die Aufzeichnungen, die Briefe und ein kleines ledergebundenes Tagebuch meines Vaters vor mir auf dem Schreibtisch. Da fiel mir ein, was Auguste Comte über das Gehirn geschrieben hatte. Er nannte es «eine Vorrichtung, mit der die Toten auf die Lebenden einwirken». Als ich Dums Gehirn zum ersten Mal in der Hand hielt, staunte ich erst über dessen Gewicht und dann darüber, was ich verdrängt hatte - die Ahnung vom Bewusstsein eines einst lebendigen Mannes, eines stämmigen Siebzigjährigen, der an einem Herzleiden verstorben war. Als der Mann noch lebte, dachte ich, war alles hier drin - innere Bilder und Worte, Erinnerungen an die Toten und die Lebenden.

Vielleicht dreißig Sekunden später schaute ich aus dem Fenster, und da sah ich Miranda und Eglantine zum ersten Mal. Sie gingen mit dem Immobilienmakler über die Straße, und ich wusste sofort, dass das meine künftigen Mieter waren. Die beiden Frauen aus der Gartenwohnung im Erdgeschoss hatten in New Jersey etwas Größeres gefunden, und ich musste die Wohnung neu vermieten. Das Haus schien nach meiner Scheidung gewachsen zu sein. Genie hatte sich ziemlich ausgebreitet, und ihr Spaniel Elmer, ihr Papagei Rufus und Carlysle, ihre Katze, hatten auch Platz gebraucht.

Eine Zeitlang gab es auch Fische. Nachdem Genie mich verlassen hatte, nutzte ich die drei Stockwerke für meine Bücher, Tausende von Bänden, von denen ich mich nicht trennen konnte. Meine Exfrau bezeichnete unser Haus immer ärgerlich als ein Bibliothekarium. Ich hatte die kleine Brownstone-Stadtvilla vor meiner Ehe während einer Flaute auf dem Immobilienmarkt als sogenanntes Heimwerker-Schnäppchen erworben und bin noch immer dabei, sie instandzusetzen. Die Leidenschaft für das Arbeiten mit Holz habe ich von meinem Vater geerbt, der mir beigebracht hat, wie man fast alles bauen und reparieren kann. Jahrelang hatte ich mich in einem Teil des Hauses verkrochen und phasenweise an dem Rest gearbeitet. Meine Praxis nimmt mich so in Anspruch, dass mir fast keine Freizeit bleibt, was einer der Gründe für meinen Eintritt in das große Heer von Bewohnern der westlichen Welt war, das den Namen «die Geschiedenen» trägt.

Leseprobe aus: Siri Hustvedt, Die Leiden eines Amerikaners, Copyright © 2007 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek

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  • Artikel vom 12.03.2008
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