Martin Walser: "Ein liebender Mann"
Martin Walser vor dem Original-Einspänner des Geheimrats Goethe
Wer mit Martin Walser spricht, muss aushalten, dass seine Antworten alles andere als geradlinig sind. Er mag den Exkurs, den unvollendeten Satz, den offenen Gedanken. Man kann ihn alles fragen, bekommt aber keine Antworten, die einem das Selberdenken abnehmen. Martin Walser hasst die Behauptung. "Liebe entsteht immer im Nu. Aber die Ehe ist die Synthese des Unmöglichen. Das will zuerst gedacht sein." Sagt Goethe. Aber Walser ist da mit ihm ganz einer Meinung.
Seit 58 Jahren ist der Schriftsteller verheiratet, mit Katharina Neuner-Jehle, genannt Käthe, der Mutter seiner vier Töchter Franziska, Johanna, Alissa und Theresia. Viel weiß man nicht von ihr, eine zierliche Frau mit schönen vollen Haaren, die seine Manuskripte tippt. Kennen gelernt haben sie sich 1945, seitdem sind sie zusammen. Und weil so etwas so selten geworden ist, fragt man natürlich nach. Wie geht das, habe ich Einfluss darauf? Walser schaut milde. Ein "Ja, das können Sie nun wirklich noch nicht wissen"-Blick. "Liebe", sagt er, "ist wie ein Wettergeschehen."
Das Leben ändert sich andauernd
Unwillkürlich sieht man seine Heimat, den Bodensee, vor sich, über dem blaulilafarben ein Gewitter dräut, kurz, heftig und reinigend. "Einfluss, das ist mir ein zu mächtiges Wort. Ich war nie souverän. Aber: Zwei Menschen, die ununterbrochen beieinander sind, können nicht aufhören, aufeinander neugierig zu sein. Das muss man gar nicht von sich verlangen, das stellt sich von selbst ein. Weil sich das Leben andauernd ändert. Die Geschichte von zweien fängt auf eine ganz einmalige Weise an. Aber dabei bleibt es ja nicht stehen."
Dann kommen die Gewitter. "Die vielen Schlachten, die man schlagen muss. Füreinander, nicht gegeneinander. Aber es muss immer Liebe da sein. Eine Ehe ohne Liebe - das ist wie ein Auto ohne Motor. Da bleibt nur die Karosserie." Auch, weil er meint, dass eine Freundschaft Wahrheit nur schlecht aushält, die Ehe dagegen schon. Frauen seien begabter für die Wahrheit als Männer. Vielleicht auch für die Liebe, die Walser selbst so oft mit den Begriffen "Verletzung" und "Schmerz" beschreibt.
Aber nein, so ist es ja nicht, sagt er und zitiert seine Heldin Susi Gern aus "Der Lebenslauf der Liebe": "Es gibt nur Unglücksglück." - Und das stimmt: Wer sagt, er sei nur glücklich, der schaut nicht genau hin. Und wer das Gegenteil behauptet, auch nicht. Es gibt nur beides. "Unglücksglück erscheint mir als die wirklichste Form des Lebens."
Leseprobe aus "Ein liebender Mann"
Martin Walser widmet sich Goethes letzter Liebschaft. Wie sich das liest? Probieren Sie's aus. Hier finden Sie den Anfang von "Ein liebender Mann".
Mehr Informationen über Martin Walsers neuen Roman finden Sie bei Rowohlt.













