Neil Gaiman: "Erwachsene gruseln sich viel mehr bei 'Coraline'"
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BRIGITTE.de: Vor ein paar Jahren hatten Ihre Kinderbücher es in Deutschland schwer - es wurden etwa die Buchcover als "zu unheimlich" abgelehnt. Gab es beim Graveyard-Buch wieder Probleme?
Neil Gaiman: Nein, gar nicht! Das deutsche Cover, eine kleine Blechdose, ist meine Lieblingsausgabe vom Graveyard-Buch. Ich finde alle Bücher sollten in kugelsicheren Dosen verkauft werden! Bei anderen Büchern ist es allerdings immer noch schwierig - Deutschland ist das einzige Land der Welt, in dem Coraline nicht mit den Original-Illustrationen erschienen ist. Offenbar waren die zu gruselig für den deutschen Markt.
BRIGITTE.de: Und? Gab es schon viele Fälle von traumatisierten Kindern?
Neil Gaiman: Nein. Ich finde faszinierend, wie gut Kinder ihre Grenzen einschätzen können. Und es lohnt sich ihnen zuzuhören, denn alle Kinder sind unterschiedlich. Das klingt jetzt sehr offensichtlich, aber ich bin immer wieder beeindruckt, wie viele Leute von 'Siebenjährigen' reden, als ob alle Siebenjährigen exakt gleich aus einer Maschine rauskommen. Als der Coraline-Film erschien, haben sich viele Eltern bei mir gemeldet und gefragt, ob ihr Kind den Film mögen würde. Worauf ich nur antworten konnte: "Das ist, als würden Sie mich fragen, ob Ihrem Kind ein Champignon-Omelette schmecken würde. Ich kenne Ihr Kind nicht. Ich weiß nicht, ob es Champignons mag, und weiß nicht, wie es Eiern gegenübersteht. Ich weiß es nicht, es ist Ihr Kind."
BRIGITTE.de: Also noch keine Beschwerden von verschreckten Kindern?
Neil Gaiman: Was ich toll finde, insbesondere beim Coraline-Film, ist das sich bis jetzt keine Kinder beklagt haben - das waren alles Erwachsene! Ein dänischer Journalist hat mich förmlich angegriffen und gefragt: "Wie können Sie Kinder so was lesen lassen? Ich bin 52 und muss jetzt nachts die Lichter anlassen, so viel Angst hat mir ihr Buch gemacht!" Und ich versuchte ihm zu erklären, dass Kinder das Buch einfach als Abenteuergeschichte wahrnehmen.
BRIGITTE.de: Kinder und Erwachsene lesen unterschiedlich?
Neil Gaiman: Absolut! Kinder und Erwachsene sehen ganz unterschiedliche Genres in der gleichen Geschichte. Ein Kind liest eine Abenteuergeschichte über jemanden, der es mit etwas Unheimlichen aufnimmt, und gewinnt. Ein Erwachsener liest ein Buch über ein Kind in Gefahr, und da melden sich automatisch Schutzinstinkte. Das Buch ist für einen Erwachsenen viel traumatisierender als für ein Kind. Das ist im Graveyard Buch ähnlich: Es beginnt mit einem Mörder, der gerade eine Familie ermordet hat, und nun im Haus nach deren Baby sucht. Für Erwachsene ist das eine sehr brutale und unheimliche Eröffnung. Für Kinder ist das hingegen anders - die Geschichte geht gerade los, sie möchten nur sehen, wie es weitergeht. Ein Baby versteckt sich auf einem Friedhof? Cool! Sie sagen nicht "Wir müssen um diese Familie trauern! Dies war eine scheußliche Tragödie!". Sie sagen eher "Ich kenne diese Leute nicht, sie sind jetzt von der Bühne gegangen, wie geht es weiter?" Ähnlich wie am Anfang von Roald Dahls James und der Riesenpfirsich die Eltern auf der ersten Seite von einem Nashorn getötet werden - nur um Platz für die eigentliche Geschichte zu machen.











