Neil Gaiman: "Erwachsene gruseln sich viel mehr bei 'Coraline'"

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Gaiman-Verfilmung "Coraline"

Gaiman-Verfilmung "Coraline"

BRIGITTE.de: Ein bisschen düster darf es in Kinderbüchern schon werden?

Neil Gaiman: Ja, da haben Kinder keine Probleme mit. Sie können eine beliebige Kindergeschichte nehmen, und sie einem Erwachsenen nacherzählen - sie wird plötzlich furchterregend! Hänsel und Gretel beginnt mit einem Krieg, es gibt eine Hungersnot im Land, und da sind ein Holzfäller und seine Frau, die nicht genug Essen für die Kinder haben. Also treffen sie die pragmatische Entscheidung, die Kinder im Wald auszusetzen. Und die Kinder werden von einer Kannibalin eingesperrt, die den Jungen noch vor dem Schlachten mästet. Sie wird von dem Mädchen in ihren Ofen geschubst, wo sie qualvoll verbrennt. Die beiden gehen zurück nach Hause, wo mittlerweile die Mutter gestorben ist. Und das ist eine glückliche Geschichte! Wenn Sie Coraline oder das Graveyard Buch mit Hänsel und Gretel vergleichen, können da meine Bücher niemals mithalten.

BRIGITTE.de: Sie haben selbst drei Kinder - ziehen Sie bei denen eine Grenze, wenn Sie ein Buch für nicht altersgerecht halten?

Neil Gaiman: Nein, bei denen habe ich es genau falsch herum gemacht! Mit 13 war meine Tochter Holly ein Riesenfan von R.L. Stines Gänsehaut-Serie. Und ich sage: "Oh, du magst Gänsehaut? Dann wirst du Stephen King lieben! Hier, nimm Carrie!" Sie hat es gelesen und wollte danach plötzlich nur noch "nette" Bücher lesen, Unsere Kleine Farm und so was. Als dann ihre kleine Schwester Maggie später die Gänsehaut-Bücher entdeckte, habe ich den Mund gehalten, und sie einfach lesen lassen.

BRIGITTE.de: Wie muss Ihrer Meinung nach eine gute Gruselgeschichte aussehen?

Neil Gaiman: Sie muss eine körperliche Reaktion hervorrufen! Horror ist eine der drei Literaturformen, die man körperlich spürt, wenn sie gut sind. Die anderen beiden sind Pornografie und Humor. Wenn Sie Pornografie erregt, funktioniert sie. Wenn Sie Humor zum Lachen bringt, funktioniert er. Und bei Horror sollte es ein schleichendes Unbehagen geben. Guter Horror kann meine Nackenhaare aufrichten und mir Gänsehaut verursachen.

BRIGITTE.de: Ihre Bücher haben meistens fantastische Elemente - Fantasy wird allerdings oft nicht als "richtige" oder "ernste" Literatur aufgefasst. Woran, glauben Sie, liegt das?

Neil Gaiman: Keine Ahnung, dieses Vorurteil gibt es in der Weltliteratur eigentlich nicht. Wenn Sie Shakespeare als Literatur anerkennen, müssen Sie mit seinen Feen, Geistern und Hexen leben. Genauso wenig kann man über Literatur reden, und Goethes Faust nicht einbeziehen. Wer behauptet, dass anspruchsvolle Literatur keine Monster, Teufel und fantastische Elemente haben darf, sagt im Prinzip: "Goethes Faust ist keine Literatur". Was in meinen Augen eine Umschreibung für "Ich bin ein sehr dummer Mensch." ist.

BRIGITTE.de: Sie sind online auf Ihrem Blog und auch auf Twitter sehr aktiv. Da Sie auch gerne in verschiedenen Medien arbeiten: Haben Sie schon einmal daran gedacht, eine Geschichte speziell für das Internet zu konzipieren?

Neil Gaiman: Wenn mir was einfiele, was nur online funktioniert, würde ich das machen. Aber was ich mir von meinen Lesern wünsche ist auf gewisse Weise das Gegenteil vom Internet. Das Internet ist auf kurze Aufmerksamkeitsspannen ausgerichtet: Oh, ein Link zu einem Artikel, von da zu Youtube, wo sich jemand eine Zitrone in die Nase schiebt, kurz Mail checken, oh, was für ein süßes Foto von einem Kätzchen und einer Ente! Und wenn ich schreibe, möchte ich deine Aufmerksamkeit. Und ich möchte lieber eine Geschichte in einem Buch erzählen, wo du beim Lesen nicht von Pop-Ups unterbrochen wirst. Wo es leise ist, und es nur eine Seite mit Text gibt, wo du die ganze Arbeit in deinem Kopf selbst machen musst. Ich mag das Gefühl, dass da nur du und ich sind.

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  • Artikel vom 25.09.2009
  • Henning Hönicke
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