Siri Hustvedt und "Die Leiden eines Amerikaners"

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Vom Landei aus dem Mittleren Westen zum Star der New Yorker Intellektuellenszene: Siri Hustvedt hat einen weiten Weg zurückgelegt.

Vom Landei aus dem Mittleren Westen zum Star der New Yorker Intellektuellenszene: Siri Hustvedt hat einen weiten Weg zurückgelegt.

Hustvedt hat allen Grund, sich das zu fragen, denn sie hat in ihrem eigenen Leben eine erstaunliche Wegstrecke zurückgelegt. Wie ihr Held Erik - und wie schon Lily in "Die Verzauberung der Lily Dahl" - wurde sie in einem kleinen Ort im amerikanischen mittleren Westen geboren, als älteste von vier Töchtern einer Familie, in der die europäischen Wurzeln und Traditionen noch stark gepflegt wurden: Siri sprach Norwegisch, ehe sie Englisch lernte. Man muss sie sich wohl als eines jener zarten, verträumten, dünnhäutigen Kinder vorstellen, die allerorten Gespenster sehen, sich in bestimmte Wahnvorstellungen regelrecht hineinsteigern und vor lauter Aufregung ohnmächtig werden können. Gerade in der amerikanischen Prärie, besiedelt von vernünftigem, kräftigem Bauernvolk, muss die kleine Siri mit den riesigen Augen wie ein Wesen aus einer anderen Galaxie gewirkt haben. Sie zeichnete und las, lebte vor allem in ihrem Kopf und beschloss schon früh, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Und dass sie weg musste aus dem mittleren Westen - nach New York, in die Großstadt.

Harte Anfangszeiten in New York

"Ich wäre niemals geblieben", sagt Hustvedt in dem schleppenden und zugleich dramatischen Tonfall, der sie manchmal mitten im Gespräch wie eine Schauspielerin wirken lässt, die auswendig gelernte Zeilen eines Dramas deklamiert. "Ich bin wirklich der Provinz entflohen, keine Frage." Sie wusste nicht viel über New York, "aber ich hatte diese Idee von New York im Kopf, und das reichte eigentlich". Eine romantische Idee von Aufregung, Abenteuer, urbaner Hochspannung und hochgeistigen Gesprächen, von einer Welt voller Menschen, die genauso von Büchern und Gedanken zehrten wie sie. Mit Anfang zwanzig kam Siri Hustvedt 1978 als Studentin nach New York, bettelarm und völlig verzückt, und sie hat seither nie wieder woanders gelebt. Sie stürzte sich auf die Bibliotheken und in diverse Affären, erlitt zwei Migräne-Anfälle, die jeweils etliche Monate dauerten und ihr Leben fast zum Stillstand brachten, schrieb Gedichte und schlug sich mit diversen Jobs durch. Selbst dass sie sich phasenweise nur "Nudeln und Hühnchenleber, die kostete bloß 39 Cent das Pfund", leisten konnte, hat ihr den Traum vom New Yorker Intellektuellenleben nicht vergällt. Siri Hustvedt wusste, wer sie sein - oder jedenfalls werden - wollte.

Die Suche muss einfacher geworden sein, als sie Anfang der achtziger Jahre bei einer Lesung Paul Auster vorgestellt wurde. Sie verliebte sich "in ungefähr zehn Sekunden" in den stattlichen dunklen Kerl mit den melancholischen Augen, der damals schon aussah wie die Hollywood-Besetzung eines Schriftstellers - und sie verbrachte die nächsten paar Stunden damit, den acht Jahre älteren Auster davon zu überzeugen, dass sie die Frau seines Lebens sei. "Ich weiß noch", sagt sie lächelnd, "dass ich ganz bewusst gedacht habe: Diesen Typen will ich nicht wieder ziehen lassen." Als sie wenige Monate später 1981 heirateten, waren Hustvedt und Auster gleichermaßen unbekannt. Doch sie glaubten aneinander, sie wurden getragen von der gegenseitigen Bewunderung für ihr Werk. Dann schaffte Paul Auster den Durchbruch mit der Veröffentlichung von "Stadt aus Glas" im Jahr 1985, dem ersten Band einer Trilogie, die ihn als einen der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller seiner Ära etablieren sollte.

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  • Susanne Weingarten
    Fotos: Katja Heinemann
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