"Wer sagt, dass Frauen immer so verdammt sympathisch sein müssen?"

Henning Mankell schickt seinen Helden Wallander nach und nach in den Ruhestand und lässt in Zukunft dessen Tochter ermitteln. Warum?

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BRIGITTE: Ihr wortkarger Krimiheld Wallander hat Sie zum Bestseller-Autoren gemacht. Jetzt lassen Sie seine Tochter Linda die Ermittlungen übernehmen.

Henning Mankell: Aus der Sicht einer jungen Frau zu schreiben war eine viel größere Herausforderung. Ich musste eine Polizistin um Hilfe bitten, die genau wie Linda gerade mit der Polizeischule fertig war. Sie hat für mich Tagebuch geführt und berichtet mir regelmäßig ihre Erfahrungen.

BRIGITTE: Macht sie denn andere Erfahrungen als ein Mann?

Henning Mankell: Frauen erleben die Angst anders als Männer. Sie sind vorsichtiger.

BRIGITTE: Heißt das: schlechter für den Polizeidienst geeignet?

Henning Mankell: Im Gegenteil. In schwierigen Situationen ist es oft besser, eine Polizistin vorzuschicken. Männer neigen zu Taten, Frauen lösen Probleme durch Zureden. Im Buch beruhigt Linda sehr geschickt eine Selbstmörderin. Diese Szene hat meine Informantin wirklich erlebt.

BRIGITTE: Wird Linda also eine bessere Polizistin als ihr Vater?

Henning Mankell: Das weiß ich noch nicht. Aber sie ist auf jeden Fall gut.

BRIGITTE: Von ihrem Vater bekommt sie wenig Anerkennung...

Henning Mankell: Wallander spürt ihre Konkurrenz. Er hat wohl insgeheim Angst, dass sie besser werden könnte als er. Das geht vielen Eltern so. Das Ideal, es müsse zwischen Eltern und Kindern immer harmonisch sein, ist absurd. Dafür ist das Leben viel zu kompliziert. Es gibt kein Leben ohne Schmerz. Auch nicht ohne Schrecken, Angst und Einsamkeit. Das sind unsere frühesten Erfahrungen. Als meine Mutter uns verließ, war ich so klein, dass ich mich nicht einmal an sie erinnern konnte. Erst mit 15 habe ich sie dann kennen gelernt. Wenn ein Kind sich von seiner Mutter verlassen fühlt, ist das ein unheimlicher Schmerz. Ich lebe ganz gut mit ihm, aber das meiste, was ich schreibe, handelt vom Schmerz der Kinder.

BRIGITTE: Machen sich alle Eltern ihren Kindern gegenüber schuldig?

Henning Mankell: Alle Eltern machen Fehler. Und es ist unmöglich, seine Kinder nicht mit Schuld zu belasten. Ich dachte als Kind, dass sich meine Eltern wegen mir scheiden lassen. So sind Kinder: Sie glauben, dass alles ihre Schuld ist. Weil sie nicht gut, nicht brav genug waren.

BRIGITTE: Linda wirkt in der Auseinandersetzung viel mutiger als ihr Vater...

Henning Mankell: Kinder sind meistens mutiger und klüger als ihre Eltern.

BRIGITTE: Sie haben vier Söhne, aber keine Tochter. Haben Sie sich mit Linda die Tochter geschrieben, die Sie gern gehabt hätten?

Henning Mankell: Ich habe mir immer eingebildet, dass ich ein guter Vater für ein Mädchen wäre. Das kann ich natürlich nicht sicher wissen, aber ich glaube es. Einen kleinen Traum von einer Tochter habe ich wohl gehabt. Aber ich bekam eben keine.

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  • Interview: Nina Freydag; Foto: Frank Siemers
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