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Die Dreharbeiten
Nina Hoss mit Juliane Köhler
Dass die Russen noch mal einmarschieren würden, hier im polnischen Legnica, und dann auch noch in eine Straße, die nach einem amerikanischen Präsidenten benannt ist - das hätten sich die Bewohner der "Franklina Roosevelta" auch nicht träumen lassen. Vorher waren ja schon die Deutschen da und haben alles sorgfältig in Schutt und Asche gelegt. Jetzt sind die Fenster mit Brettern verrammelt, an den Straßenrändern stapeln sich Glas, Holz, Ziegelsteine und kaputte Möbel zu meterhohen Barrieren. Am schlimmsten aber ist der feine weiße Staub, der durch alle Ritzen dringt, sich auf Haaren, Schuhen, Kleidern und Lungenflügeln niederlässt. Und der in regelmäßigen Abständen auch noch von einer Windmaschine aufgewirbelt wird.
Die Bewohner der Franklina Roosevelta lassen sich verbarrikadieren und Theaterstaub um die Ohren blasen, weil ihre Straße später im Kino zu sehen sein wird. Auch wenn die Zuschauer denken werden, auf das zerbombte Berlin zu blicken. Der Film, der hier gedreht wird, heißt "Anonyma - Eine Frau in Berlin". Er basiert auf dem Tagebuch einer jungen Deutschen, die zwischen April und Juni 1945 zwei Monate ihres Lebens beschrieben hat. Das Buch hat schon bei seinem ersten Erscheinen in den 50er Jahren großes Aufsehen verursacht: Es ist die erste zeitgenössische Aufzeichnung, die ausführlich beschreibt, dass es systematische Vergewaltigungen gegeben hat, nachdem die russische Armee Berlin erobert hatte. Erstaunlich sachlich schildert die anonyme Autorin das Grauen jenes Sommers, in dem keine Frau sicher sein konnte und doch irgendwie überleben musste.
Als "Anonyma" kämpft Nina Hoss darum, in extremer Gefahr ihre Würde zu waren
Während der gesamten Dreharbeiten in dieser Straße in Legnica, immerhin drei Wochen, bleiben die Menschen in ihren Häusern wohnen. Wenn gerade nicht gefilmt wird, lugen sie zwischen den Fensterbrettern aus ihren modernen Wohnungen des Jahres 2007 auf die Straßen des Jahres 1945. Dort sitzen die russischen Schauspieler, als Rotarmisten verkleidet. In den Drehpausen dösen sie auf den Trümmerhaufen oder stehen Schlange vor den Mobil-Klos, die in dieser Umgebung aussehen wie die Überbleibsel eines missglückten Zeitreise-Experiments. Keiner tut etwas Beunruhigendes - und dennoch wirkt schon die schiere Masse an Uniformen bedrohlich.
Es ist nur ein Film, aber alle Beteiligten werden hier mit ihrem Teil der Geschichte konfrontiert: Die Polen mit der Erinnerung an die deutsche Besatzung und mit ihrem angespannten Verhältnis zu Russland. Die Russen mit einem dunklen Kapitel, das weitgehend totgeschwiegen wurde. Und die Deutschen mit einer Geschichte, die in vielen Familien ihre Spuren hinterlassen hat und doch lange ein Tabu war. Wenn das hier gelingen soll, müssen alle zusammenarbeiten. "Achtung, wir drehen!", ruft der Aufnahmeleiter, sein Ruf wird auf Polnisch und Russisch wiederholt. Die deutschen Schauspielerinnen spannen sich an, die russischen Soldaten ziehen ihre Uniformen zurecht, die Polen ducken sich hinter ihre verbarrikadierten Fenster, bis sie das erlösende "Danke" am Ende der Aufnahme hören.













