Marie-Antoinette

Ein freundlicher Blick auf eine umstrittene Frau, und ein Fest für Augen und Ohren.

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Synopsis: Die tragische Lebensgeschichte der als Maria Antonia 1755 in Wien geborenen Marie Antoinette, die von ihrer Mutter, der österreichischen Kaiserin, aus politischem Kalkül als 14-jähriges Mädchen an den französischen Hof verheiratet wird. Während der Französischen Revolution wird sie verhaftet, von ihren drei Kindern getrennt, und wie ihr Ehemann, Ludwig XVI., 1793 im Alter von 37 Jahren durch die Guillotine hingerichtet.

Kritik: Das ist nicht der große, historisch genaue Film über eine der umstrittensten Frauenfiguren der europäischen Geschichte, und es ist auch kein konventionelles Epochengemälde. Sofia Coppola hat sich konsequent für einen subjektiv-individualistischen Zugang zur Biografie einer jungen Frau aus dem Hochadel des 18. Jahrhunderts entschieden, die zum Spielball der Machtinteressen wird und sich in einem dekadenten und in seinen absurden Ritualen erstarrten Hofstaat zurecht finden muss. Kirsten Dunst spielt das ganz wunderbar, mit einer naiv-kindlichen Unschuld, die manchmal an Gwyneth Paltrow erinnert, was ihr keineswegs schadet.

In Sofia Coppolas Version der Geschichte bringt Marie Antoinette Frische und Natürlichkeit an den Hof, sie ist dem ihr zugewiesenen Ehemann gegenüber loyal und einfühlsam, trotz einer leidenschaftlichen Affaire, und sie erweist sich auch als eine liebevolle Mutter. Der überlieferte und immer hervor gehobene Hang zur Vergnügungs- und Verschwendungssucht dient eigentlich nur der Ablenkung, ein Mittel gegen Einsamkeit und Langeweile an der Seite eines freundlichen, aber verunsicherten jungen Königs, der zunächst lieber auf die Jagd geht, als die von allen erwarteten Nachkommen zu zeugen. Kurz gesagt, Marie Antoinette wird zur Sympathieträgerin des ganzen Films, und sogar ihr Mann, König Louis XVI, kommt uns durch seine Zurückhaltung und Unbeholfenheit menschlich sehr nahe. Selbst Marie Antoinettes berühmtester, weil wunderbar diskreditierender und entlarvender Satz, das die Leute, die kein Brot hätten, doch eben Kuchen essen sollten, wird hier zurück genommen: Tatsächlich hat sie es nie gesagt.

So viel Empathie für eine Ikone feudalistischer Verschwendung und Ignoranz, die noch am Vorabend der Revolution vor allem an ihre Kinder und die Tuilerien denkt, ist natürlich eine Provokation, und sie wird Coppolas Film wohl auch zum Vorwurf gemacht werden. Dabei ist es nur die Konsequenz der einmal gewählten individuellen Innen-Perspektive auf diese Frau, bis in deren Gemächer in Versaille sich die Außenwelt wohl tatsächlich nur als ein fernes Echo verirrte.

Unhistorisch oder gar ahistorisch ist der Film deshalb noch lange nicht, denn auch das kann schließlich ein Teil der Wahrheit sein. Um trotz der herrlichen Versaille-Aufnahmen, der originalgetreuen Kostüme und der aufwändigen Dekors – in denen der Film manchmal vielleicht zu sehr schwelgt – erst gar nicht die Illusion historischer Objektivität aufkommen zu lassen, mischt Sofia Coppola ungeniert und ausgesprochen wirkungsvoll die zeitgenössische Musik von Rameau mit Punk, New Wave und Elektro von ausgesprochen heutigen Gruppen wie Air, The Strokes und New Order, und die passen dann überraschend gut auch zu den höfischen Tanzzeremonien. Für die Kostümpracht ist hier übrigens Milena Canonero zuständig, die schon in Kubricks „Barry Lyndon“ das 18. Jahrhundert auferstehen ließ, und auch Marie Antoinettes Schwäche für immer neue Schuhe wird bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar durch das witzige Schuhdesign von Manolo Blahnik, das auch in unseren Schuhläden eine gute Figur machen würde.

Diese Marie Antoinette hat viele Facetten, und Coppola macht sie auch nicht gewaltsam zu einer Frau von heute, aber sie zeigt sie mit einer ausbalancierten Tonlage von Humor und Anteilnahme in ihrer zeitlosen Menschlichkeit. Das sollte erlaubt sein, auf die Gefahr hin, dass man so den Eindruck bekommt, dass es ein großes Unrecht war, diese Frau aufs Schafott zu schicken.

Thomas Neuhauser/ARTE

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Die Filmfestspiele von Cannes bei ARTE

Sondersendung Film Festival Cannes: Arte und Loretta Stern bieten Ihnen einen Blick hinter die Kulissen des renommierten Festivals und bringen Ihnen Filme, Schauspieler und Regisseure näher.


am Sonntag, den 28. Mai 2006, gegen 20.15

Außerdem berichtet ARTE Kultur täglich um 20 Uhr live aus Cannes.

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