The Wind that Shakes the Barley
Irland im Jahr 1920 - britische Söldner - die gefürchteten "Black and Tans" - terrorisieren die nach Unabhängigkeit strebende Bevölkerung. Unter den Leidtragenden regt sich immer größerer Widerstand gegen die Willkür der Besatzer. Auch der junge Damian (Cillian Murphy), der eigentlich als junger Arzt nach London unterwegs ist, schließt sich der aufständischen "Irish Republican Army" an, der bereits sein Bruder angehört. Eine Spirale der Gewalt setzt sich in Gang.
Eine irische Idylle unter ausnahmsweise einmal nicht regnerischem Himmel - junge Männer spielen ein etwas ungehobeltes Feldhockey und wenn deshalb auch zuweilen der Schiedsrichter eingreifen muss, spürt man dennoch ein großes, über die Jahrhunderte gereiftes Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch der friedliche Eindruck am Anfang von Ken Loachs Drama über den irischen Unabhängigkeitskampf trügt - überfallsartig tauchen britische Söldner auf und töten aus nichtigem Anlass einen 17-Jährigen, schließlich hat die Besatzungsmacht aus Angst vor neuen separatistischen Bestrebungen jede größere Zusammenkunft, auch aus sportlichem Anlass, verboten.
Ken Loach hat keinen versöhnlichen, diplomatischen Tonfall angeschlagen, der etwa sowohl dem britischen als auch dem irischen Blick auf die Geschichte Rechnung tragen würde. Bei ihm sind die Besatzer anonyme Willkürmenschen, wie sie in einer Diktatur, nicht aber der ältesten Demokratie der Welt gut zu Gesicht stehen würden - die Iren ihrerseits zunächst ausschließlich unterjochte und deshalb sympathische Opfer. Historisch liegt Loach damit sicherlich nicht falsch - die "Black and Tans", demobilisierte, noch vom Schrecken des 1. Weltkriegs gezeichnete Soldaten, schreckten vor Folter nicht zurück, um die Aufständischen in die Knie zu zwingen. Ihre ungeahndeten Verbrechen stehen für eine sich über Jahrhunderte erstreckende Fremdherrschaft, die vor allem von wirtschaftlicher Ausbeutung geprägt wurde und für zahllose Iren Hunger, Tod oder Exil bedeutete.
Loach und sein alt gedienter Drehbuchautor Paul Laverty zeigen, wie sich der Widerstand unter den jungen Iren allmählich formiert, wie aus jungen, unerfahrenen Bauern und Handwerkern Guerilleros geformt werden, die - schneller als ihnen lieb ist - den blutigen Ernst ihres "Pfadfinderspiels" kennen lernen. Denn nur einige hundert, schlecht bewaffnete Rebellen stehen mehr als 10 000 gut gerüstete britische Soldaten gegenüber. Mit großer historischer Genauigkeit haben beide den Kampf "David gegen Goliath" nachgestellt - die allmähliche Professionalisierung des Befreiungskampfes, aber auch die damit einhergehende Brutalisierung auf beiden Seiten und den immanenten Verlust der Unschuld der IRA-Kämpfer. So muss der traurige Held Damian gegen seine Überzeugung einen minderjährigen Verräter erschießen, weil es ihm sein Eid gebietet. Und sein Bruder schlägt sich auf die Seite der Großgrundbesitzer, nur weil diese die Waffenlieferungen der IRA finanzieren.
Hier tritt der bekennende engagierte Linke Ken Loach als politischer Filmemacher wieder hinter den geschichtlichen Fakten hervor, getreu der Überzeugung des 1916 hingerichteten marxistisch-sozialistischen Unabhängigkeitskämpfers James Connolly, wonach die Unabhängigkeit Irlands nur dann von Erfolg gekrönt sein könne, wenn damit auch eine soziale Revolution einherginge. Loach zeigt, wie genau das Gegenteil der gewünschten Veränderungen eintritt, der Krieg sich auch wegen der fortbestehenden sozialen Not nach innen richtet. Aus Brüdern werden Feinde. So ist dieser wütende, schonungslose Antikriegsfilm trotz eindeutig verteilter Sympathien weniger antibritisch, als das manche vielleicht sehen möchten. Wieder einmal schlägt sich Loach auf die Seite der Schwachen und zieht in einem seiner Statements Parallelen zum umstrittenen Einsatz der britischen Regierung im Irakkrieg, die mit ihrem Militäreinsatz statt zur Befreiung des Landes nur zur Eskalation der Gewalt im Innern beigetragen hat. So ist The Wind that Shakes the Barley auch ein sehr realer, gegenwärtiger Film geworden, der zur Wachsamkeit gegenüber den Irrtümern und Gewalttaten jeder politischen Führung aufruft.
Martin Rosefeldt/ARTE
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