Pokerface: Bond (Daniel Craig) beim Duell mit Le Chiffre (Mads Mikkelsen)
Nein, ich habe nicht gemeckert, als bekannt gegeben wurde, wer der neue Bond wird. Über meine Lippen kamen keine Sätze wie "Bond in blond - das geht ja gar nicht" oder "Warum haben sie nicht Clive Owen genommen?". Mir ist auch egal, dass Daniel Craig privat eine Abneigung gegen Waffen hat (ich korrigiere, das finde ich sogar sehr sympathisch), und Männlichkeit definiert sich für mich nicht darüber, ob jemand einen Wagen mit Automatik oder Schaltgetriebe fährt. Ich mag Daniel Craig als Typ und als Schauspieler und fand von Anfang an, dass er eine faire Chance verdient hat. Nur kurz bevor ich Zeugin seiner Bond-Premiere werden sollte, habe ich mich doch zu einer kleinen abschätzigen Bemerkung hinreißen lassen: "Der zieht so eine komische Schnute", dachte ich beim Betrachten des Presseheftes.
Glücklicherweise hat sich die gescholtene Schnute auf der Leinwand schnell in ein lässiges Pokerface verwandelt, das hervorragend zu Bond passt. So wie der ganze Craig hervorragend zu Bond passt. Sein Charme ist etwas rauer als der seiner Vorgänger, seine Art, sich der Gegner zu entledigen, weniger elegant. Aber das verleiht ihm eine persönliche Note, die er als Neu-Bond unbedingt braucht - und die er mit einigen körperlichen Vorzügen zu paaren weiß. Nie zuvor hat man in solch strahlende Agenten-Augen geblickt. Nie zuvor war Bonds Lächeln so einnehmend. Und nie zuvor war "007" so durchtrainiert, dass er selbst den Part der aus dem Wasser steigenden Badeschönheit übernehmen kann.
James Bond robbt sich an den Gegner ran.
Das Schöne ist, dass das 21. Bond-Abenteuer nicht nur durch seinen Hauptdarsteller besticht. Auch die Story stimmt. "Casino Royale" basiert auf Ian Flemmings erstem Bond-Roman und erzählt, wie aus James Bond der wird, den wir eigentlich schon seit mehr als 40 Jahren kennen. Verglichen mit manch luftigem "007"-Abenteur präsentiert sich die Handlung in "Casino Royale" erfreulich geerdet. Der Bösewicht Le Chiffre - wunderbar besetzt mit Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen - bastelt nicht an irgendeiner absurden Weltvernichtungswaffe. Er ist ein internationaler Bankier, Spezialgebiet: Geldwäsche für terroristische Organisationen (in Flemmings Roman operiert er mit dem Geld des KGB). Um Le Chiffre zu stoppen und das Terror-Netzwerk zu zerschlagen, muss James Bond ihn bei einem Pokerspiel im Casino Royale besiegen. Das nötige Spielgeld wird Bond von der attraktiven Vesper Lynd (Eva Green) ausgehändigt, einer Beamtin des britischen Schatzamtes. Dass die Beziehung zwischen James und Vesper keine rein geschäftliche bleibt, dürfte niemanden überraschen. Dass der sonst so harte Bond hier richtig Gefühle zeigen darf, schon. Bis über beide, leicht abstehenden Ohren verliebt er sich in Vesper. So sehr funkt es, dass James sogar beschließt, seinen Job aufzugeben ...
Neuer Hauptdarsteller, neuer Realismus, neue Emotionen: Das alles kombiniert Martin Campbells Film geschickt mit den bewährten Zutaten, auf die kein Bond-Fan verzichten möchte: hanebüchene Verfolgungsjagden, effektvolle Explosionen, schnelle Autos, witzige Dialoge, etwas Selbstironie und Judi Dench als "007"-Chefin "M". Nur "Q" und Miss Moneypenny dürfen nicht mehr mitspielen. Ich habe sie, ehrlich gesagt, nicht vermisst. Daran sind die strahlend blauen Augen und der durchtrainierte Körper eines gewissen James Bond wohl nicht ganz unschuldig.













