"Tragische Geschichten"
Brigitte.de: Frau Dr. Scharlau, wie erklären Sie sich, dass Austen heute noch so eine enorme Fangemeinde hat?
Ingrid Scharlau: Ich glaube, das Werk ist so beliebt, weil die Romane falsch gelesen werden. Die meisten Leserinnen betrachten sie als Liebesgeschichten, obwohl sie das offensichtlich nicht sind. Das gilt im Übrigen auch für die Verlage, wie man an den Klappentexten erkennen kann. Es gibt außerdem bei den Lesern anscheinend ein besonderes Interesse an den fest gefügten, geordneten Verhältnissen, die in den Büchern geschildert werden. Am Ende ist die Heldin versorgt und kann im Allgemeinen auch ihre gesellschaftliche und finanzielle Position verbessern - so was beruhigt in schlechten Zeiten. Neue Untersuchungen zeigen ja auch, dass Zweisamkeit und Familie bei jungen Menschen wieder stark im Vordergrund stehen. Doch diese vermeintliche ideale Zweisamkeit, die die Leserinnen in den Büchern erkennen, halte ich für eine Fehlinterpretation.
Brigitte.de: Wenn Jane Austens Werke keine Liebesgeschichten sind - was sind sie dann?
Ingrid Scharlau: Es sind sehr tragische Geschichten. Heldinnen wie Elisabeth Bennet aus "Stolz und Vorurteil", die ja zunächst als sehr selbstbewusst und witzig dargestellt werden, werden am Ende gebrochen. Sie ordnen sich einem Mann unter und passen sich an. Die Ehe ist ihre einzige Chance, in einer Gesellschaft zu überleben, die ihnen keine eigenen Einkommensmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Zu Jane Austens Zeiten waren die meisten Ehen Zweckehen, nicht Liebe war der Grund für die Hochzeit, sondern finanzielle Vorteile. Frauen mussten dankbar dafür sein, dass ein Mann einwilligte, sie zu heiraten. Vor allem, wenn dieser aus besseren Verhältnissen stammte. Wenn Jane Austen von Liebe spricht, dann spricht sie fast immer gleichzeitig von Dankbarkeit; diese beiden Gefühle lassen sich bei ihr nicht trennen. Liebe in unserem Sinne ist das nicht.
Brigitte.de: Kritisiert Austen diese Zustände?
Ingrid Scharlau: Darüber wird in der Wissenschaft schon lange heftig diskutiert. Ich denke, Austen ist auf eine sehr subtile und ironische Art gesellschaftskritisch. So läuft zwar stets alles konform auf die Ehe hinaus, gleichzeitig werden aber fast alle schon existierenden Ehen, wie etwa die der Bennets, sehr negativ dargestellt, ja fast als eine Farce. Die Frauen sind meist dumm oder phlegmatisch. Die Männer kommen, wie Mr. Bennet, oft etwas besser weg, sind aber zumindest kauzig oder von Standesdünkel erfüllt. "Stolz und Vorurteil" liefert keinen Grund zu der Annahme, dass die Ehen von Jane und Elisabeth Bennett besser ausgehen werden als die ihrer Eltern! Auch die Tatsache, dass die Bücher immer kurz vor der Hochzeit der Helden enden, ist auffällig. Jane Austen kritisiert die gesellschaftlichen Missstände sicher nicht direkt. Aber man kann durchaus sagen, dass sie schonungslos, wenn auch subtil und in leisen Tönen, darstellt, welche Anpassung junge Frauen leisten müssen, um sich gesellschaftlich zu behaupten. Und das, ohne dass ihnen ein wirklich gutes Leben winkt.













