Du bist Australien: Nicole Kidman in "Australia"
Es gibt diesen Moment, den die Australier "Magic Hour" nennen, die "magische Stunde". Irgendwann zwischen vier und fünf Uhr nachmittags taucht die Sonne den Kontinent am Ende der Welt in leuchtendes Licht, tiefgold in der Mitte, zartrosa an den Konturen. In diesem Moment sieht Australien noch unwirklicher und märchenhafter aus als sowieso schon: Bäng! Ganz große Inszenierung, ein Anblick zum Herzenschmelzen und fassungslosen Staunen. Bis der Vorhang fällt und es stockduster wird, von einer Minute auf die nächste. Dann ist Nacht in Australien, und Nacht bedeutet im Outback: RICHTIG dunkel. Oder, wie man es hier wenig umständlich ausdrückt: "Schwarz wie in einem Känguru- Arsch." So ist dieses Land, voller Extreme: ungehobelt, aber herzlich, unfassbar schön, aber auch lebensfeindlich und giftig wie kein anderer Ort der Erde. Es ist das Land, aus dem Nicole Kidman stammt.
Dabei gehört sie auf den ersten Blick gar nicht hierher: Mit ihrer durchscheinenden Haut, die nach dreistelligen Lichtschutzfaktoren schreit und ihr schon die Kindheit in Sydney versaut hat, wo alle lässig braun waren, während sie sich dick mit Zinksalbe einrieb. "Ich sehe mich zwar selbst als zähe Person", sagt Nicole Kidman, "aber meine ganze Erscheinung ist genau das Gegenteil von dem, was dieses Land erfordert." Trotzdem sitzt die Schauspielerin jetzt hier im kaum besiedelten Nordwesten Australiens, eineinhalb Fahrstunden von der nächsten Zivilisation entfernt. Bei 39 Grad im nicht vorhandenen Schatten und nur mit einem kleinen Sonnenschirm zwischen sich und dem Ozonloch.
Trotz ihres zerbrechlichen Äußeren im Grunde schon immer eine Pferdenatur: Nicole Kidman
"Australia" (ab 25. Dezember im Kino) heißt der Film, der sie hierher gebracht hat, und der Titel erinnert nicht nur zufällig an andere überdimensionale Epen wie "Jenseits von Afrika" oder "Lawrence von Arabien". Regisseur Baz Luhrmann, ebenfalls Australier und nicht gerade für reduzierte Kammerspiele bekannt, liebt die ganz großen Lebensthemen auf ganz großer Leinwand: "Liebe! Freiheit! Schönheit! Wahrheit!", ausrufezeichnete er zuletzt im Abspann seines Schwindsucht-Musicals "Moulin Rouge" (das Nicole Kidman ihre erste Oscar-Nominierung einbrachte); und so ist auch "Australia" natürlich nicht einfach nur ein Film, sondern laut Pressetext "ein Epos, das Romanze, Drama, Abenteuer und Spektakel verbindet!". Und zwar so: Eine durchscheinende, blasse Engländerin (Kidman) erbt die heruntergekommene Farm "Faraway Downs" mitten im australischen Hinterland, muss sich dort mit Hilfe eines raubeinigen Cowboys (Hugh Jackman) erst gegen allerlei Anfeindungen behaupten und bekommt dann auch noch die Ausläufer des Zweiten Weltkrieges durch das japanische Bombardement in Darwin zu spüren.
Er habe eben nichts Geringeres im Sinn gehabt, als das australische Pendant zu "Vom Winde verweht" zu drehen, sagt Luhrmann, der hier am Set von "Australia" den Josef-von-Sternberg-Look kultiviert: Khakihosen, weißes Hemd, schwungvoll gebundenes Halstuch, heller Stetson. Nur ein Mensch, der so aus der Zeit gefallen ist wie der 46-Jährige, kann einen derart größenwahnsinnigen Satz sagen, ohne sich völlig zu blamieren.












