Swan Lake: Eine perfekte Symbiose
Ein Samstag in der Millionenstadt Guangzhou. Nichts außer der verrosteten Schranke und dem Wärterhäuschen am Eingang deutet darauf hin, dass wir uns auf einem Militärgelände befinden. Es sieht aus wie ein ganz gewöhnliches Wohnviertel - lieblos hochgezogene Hochhäuser mit vergitterten Fenstern und Balkons, dazwischen ein Flachbau. Hier trainiert die beste Akrobatiktruppe Chinas. Wie alle im Land gehört sie zum Militär.
Wu Zhengdan und Wei Baohua
14.30 Uhr, die Chinesen schlafen. Guangzhou liegt im subtropischen Süden Chinas, nicht weit von Hongkong entfernt am Perlfluss. Es ist warm hier, deshalb halten die Menschen Siesta. Nur Frau Wu und Herr Wei bleiben heute wach, genauso wie zehn weitere Ballerinas, die mit Swan Lake, einer radikalen Neuinszenierung von Tschaikowskis "Schwanensee", im Oktober nach Deutschland kommen. Sie verzichten auf ihre Mittagsruhe, damit wir ihnen beim Training zusehen können. Journalisten ist es eigentlich verboten, das Militärgelände zu betreten, auf dem Wu Zhengdan und Wei Baohua leben und trainieren. Sie haben uns trotzdem eingeladen. Flüsternd schleichen wir uns in den zweiten Stock des Trainingszentrums.
Durch die offenen Fenster des Ballettstudios scheint matt die Sonne, ihre Strahlen quälen sich durch den smogverhangenen Himmel. Nur die Schritte der Ballerinas auf dem weiß-polierten Linoleum sind zu hören, auf den T-Shirts zweier Mädchen steht "Lovely Thing". Eine weiche Brise lässt die Hemden und Handtücher auf den Wäscheleinen der benachbarten Dachterrasse tanzen.
Gummikörper: Wu Zhengdan macht sich warm
Sie tanzen so laut- und schwerelos wie Wu Zhengdan: Ihre Verbiegungen sehen unnatürlich, aber mühelos aus. Nach vorne gebeugt, die Hände fest an der Stange, lässt sie ihren linken Fuß rücklings über den Kopf schnellen - immer wieder, als sei es nichts. Das mit dem Fuß macht sie auch auf dem Kopf ihres Prinzen - Mr. Wei ist nicht nur bei "Swan Lake", sondern auch privat ihr Prinz und seit 2004 ihr angetrauter Mann.
Nach dem Training sitzen Wu Zhengdan und Wei Baohua nebeneinander auf ihrer zartgeblümten Couchgarnitur. Wu Zhengdan trägt noch immer ihre braunen Hot Pants über den schwarzen Leggings und ihr blaues T-Shirt. Das Training hat sie kaum ins Schwitzen gebrach, selbst der Lipgloss sitzt perfekt. Wei Baohua hat kräftige Arme, breite Schultern und schöne Lachfalten um die jungen Augen. "Wir sind nie länger als zwei, drei Tage getrennt," erzählt Frau Wu. "Ist Baohua länger weg, funktioniere ich nicht mehr. Dann ist es, als ob mir eine Hälfte fehlt." Sie lässt ihre schmalen Finger auf seinen Oberschenkel gleiten, streichelt und drückt.













