Witzig, wütend, wunderschön: Kunst aus Spam-Mails

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Johannes Wohnseifer malt die Botschaften großflächig verfremdet in Öl

Johannes Wohnseifer malt sie großflächig verfremdet in Öl

Wann der erste Künstler Spam aufgriff und für seine Arbeit nutzte, ist schwer zu sagen. Spam-Kunst führt eine Tradition fort, die schon vor knapp 100 Jahren die Dadaisten und Kubisten um Kurt Schwitters und George Braque begonnen hatten. Damals fing die Werbung an, die Öffentlichkeit zu erobern. Kritik an Kapitalismus und Konsum wurde zum Thema der Kunst. Mit Beginn der Pop-Art der 60er Jahre in den USA nutzten Künstler wie Andy Warhol oder Barbara Kruger Werbung, um gesellschaftliche Phänomene aufs Korn zu nehmen. "Früher stand die Ästhetik des Materials im Vordergrund, heute ist es die Ästhetik der Information, des Immateriellen", sagt Christiane Riedel vom Karlsruher Museum für digitale Kunst ZKM. Die Textnachrichten sind ästhetisch betrachtet spröde, der Drang der Künstler, sie visuell reizvoll zu machen, daher nicht zu übersehen: Da gibt es nicht nur Linzie Hunters entzückend anzusehende Botschaften. Es geht noch monumentaler: Das zeigen großflächige Gemälde von Johannes Wohnseifer, der die textlastigen Botschaften mit abstrakten Ornamenten klassisch in Öl auf Leinwand malt. Es gibt sogar mit "Spamtrap" von Bill Shackleford eine Maschine, die eingehenden E-Mail-Müll ausdruckt und museumsreif schreddert.

Auch Spam-Art hat Mäzene: Das Internetprojekt "Spam-Recycling", mit dem man selbst Kunst machen kann, wird vom Energiekonzern EnBW gesponsert.

Auch Spam-Art hat Mäzene: Das Internetprojekt "Spam-Recycling", mit dem man selbst Kunst machen kann, wird vom Energiekonzern EnBW gesponsert.

Viele belassen Spams aber konsequent in ihrem digitalen Zustand und arbeiten innerhalb dieses Mediums: Etwa "Spam-Recycling", das beliebige Werbe-E-Mails in herrlich wuchernde Bäume mit immer feineren Verästelungen verwandelt, oder das "Spam-Paint" des jungen Berliner Grafikers Sebastian Schmieg, das tatsächlich graffiti-bunte Farbflächen auf den Bildschirm sprenkelt. Einer der Heroen der Szene ist der rumänische Webdesigner Alex Dragulescu, dessen Software aus den Nervmails farbige Architekturen baut oder Pflanzenartiges wachsen lässt, das anmutet wie eine verwunschene Unterwasserwelt. Das Wiener Künstlerduo Machfeld hat sich dem Bedrohlichen der Spams noch konsequenter gewidmet - in ihren digitalen Installationen zeigen sie die Ähnlichkeit zwischen biologischen Krankheitserregern und digitaler Invasion. Sie arbeiten mit dem, was wir alle kennen: der Menge an Junk-Mail, die über uns hereinbricht wie eine Naturgewalt.

Einige Künstler schreiben eiskalt zurück. Ein Kunstgriff voll leiser Ironie. So wie bei Christoph Schwarz, der sich die Logik der Spam-Sender in doppeltem Sinne zu eigen gemacht hat: Für seine Performance "Spamming Back" im Herbst 2007 behandelte der 27-jährige Österreicher die Absender als Künstler und bot ihnen das Geschäft ihres Lebens an: "Hey, ich kann deine Arbeiten mit wenig Aufwand für viel Geld verkaufen, lass uns das doch professionalisieren!" Auch Jonathan Land, ein New Yorker Künstler, fing irgendwann an, auf die obskuren Anfragen einzugehen - die Korrespondenzen veröffentlichte er unter dem poetischen Titel "The Spam Letters". Der US-Schauspieler Dean Cameron ging einen Schritt weiter, als er 2003 mit seinem Zwei-Personen- Stück "The Nigerian Spam Scam Scam" einen bizarren Spam-Dialog auf die Bühne brachte. Ein Renner, bis heute.

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  • Text: Anne Haemig
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 24/08
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