Tracey Emin bereitet ihren Ruhestand vor. Das ist überraschend, denn die bedeutendste englische Künstlerin der Gegenwart ist erst 45. Und auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Ihre 20 Jahre umfassende Werkschau ist gerade in Bern eröffnet worden, nach Stationen in Malaga und Edinburgh: "Ich hatte das ganze Museum, andere kriegen höchstens einen Flügel." Sie bereitet zusätzlich ihre erste große Ausstellung in London seit 2004 vor: "Der Druck ist enorm, die Leute hassen mich hier. Oder sie lieben mich. So oder so haben sie hohe Erwartungen." Und ihre Autobiografie "Strangeland" erscheint endlich in Deutschland: "Dort wird in erster Linie meine Arbeit diskutiert. Nicht wie in England meine Persönlichkeit. Oder mein Provinzdialekt. Oder meine schiefen Zähne."
2009 ist also ein großes Jahr für Tracey Emin. Aber sie schaut weit darüber hinaus: Bei unserem Besuch in ihrem Londoner Atelier erzählt sie, dass sie die nächsten Jahre nur noch auf ihren Ruhestand hinarbeiten wird: "Ich will mein Leben komplett umkrempeln, bis ich 50 bin. Ich trenne mich von allem, was ich nicht brauche. Ich baue ein neues, kompaktes Atelier auf der anderen Straßenseite, für vier Millionen Pfund, hoffentlich geht das gut. Und ich kaufe gerade ein Grundstück in Südfrankreich, 13 Hektar Land. Noch reise ich durch die ganze Welt, aber wenn das Atelier und das Haus in Frankreich fertig sind, werde ich nur noch zwischen dem einen Zuhause und dem anderen pendeln. Und ich werde mich zur Ruhe setzen. Meine Freunde fragen: Und was machst du, wenn du im Ruhestand bist? Arbeiten natürlich." Ihr Lachen ist groß und froh. "Aber ohne Verantwortung. Nur für mich."
In den 90ern brach Tracey Emin wie ein Unwetter über die britische Kunstszene herein. Sie stellte ihr zerwühltes Bett mit benutzten Kondomen aus oder die Nachblutungen einer Abtreibung, sie war betrunken in Talkshows, sie war ein Skandal, eine Künstlerin des Schmerzes. Seit 20 Jahren handelt Tracey Emins Kunst von ihren Verletzungen und Traumata. Davon, wie sie als Kind sexuell missbraucht wurde. Wie sie als Tochter eines türkischen Vaters und einer englischen Mutter im heruntergekommenen Badeort Margate aufwuchs, gequält von der Angst, verlassen zu werden, weil ihre Eltern eine Affäre und keine Ehe hatten, der Vater immer auf dem Weg zu seiner anderen Familie. Davon, wie ein Bekannter sie nach einem Disco-Besuch vergewaltigte, als sie 14 war. Von ihren Abtreibungen, gescheiterten Beziehungen, von sexueller Frustration und Aggression.













