Anna Gavalda: Die Glücksfinderin
Für ihr neues Buch, "Alles Glück kommt nie", hat sie sich gleich mehrere Jahre Zeit gelassen. Hauptfigur ist ein Architekt; "es sollte jemand sein, der viel reist, und ein Geschäftsmann wäre mir zu langweilig gewesen", sagt die Autorin. Charles Balanda, 47, ist eine typische Gavalda-Figur: jemand, der durch das Leben schlingert und immer in Gefahr ist, in der Einsamkeit zu versacken. Eines Tages bekommt er einen seltsamen Brief, der sein Leben völlig verändert, drei Worte nur: "Anouk ist tot."
Anouk, das ist seine erste große Liebe, die Mutter eines Kinderfreundes. Woran ist sie gestorben, wie hat sie ihre letzten Jahre verbracht? Charles reist zurück in die eigene Kindheit, und plötzlich werden die Brüche seines Lebens immer deutlicher. Das kommt mit großer Leichtigkeit (manchmal auch Seichtigkeit) daher, die Dialoge sind, wie immer bei Gavalda, fast filmisch komponiert. Dass die Architekten-Soap gut ausgeht, ist Balsam fürs Herz, allerdings nur begrenzt glaubwürdig. Doch genau das ist wahrscheinlich ein Teil ihres Erfolgsgeheimnisses - wir lassen uns gern ein bisschen beschummeln, um uns an der letztlich positiven Botschaft zu wärmen: Glück ist möglich. Die Harmonie wird jedoch immer wieder durchkreuzt - merci, Madame! -, weil die Autorin uns mit respektlosem Humor jede Menge fiese, entlarvende Details serviert.
Bereits als Kind hatte sie die Fähigkeit, andere Menschen von den Zehen bis in die Haarspitzen zu scannen. "Schon damals habe ich auf einem Ohr nicht so gut gehört. Wahrscheinlich habe ich dadurch meine Beobachtung früh geschärft. Ich sehe jeden Fleck auf der Bluse, jede Laufmasche." Ein Satz, der einen vorübergehend um die Sauberkeit der eigenen Fingernägel bangen lässt. Auch ihre Figuren kommen immer wieder in peinliche Situationen. Gerade Charles wirkt häufig wie ein begossener Pudel. "Er ist mir bei meiner Arbeit sehr ans Herz gewachsen. Nur dass er sich am Schluss des Romans einfach davonmacht, ohne sich zu verabschieden, ist nicht fair. Nach allem, was ich für ihn getan habe!" Gavalda meint es ernst. Wo endet der Roman, wo beginnt die Wirklichkeit? Am liebsten würde sie, so scheint es, ihre Figuren in ihr reales Leben mitnehmen.
Vor allem diese liebenswürdigen Zweifler, die ihr selbst so ähnlich sind. Von ihren Eltern, politisch links und alternativ, sagt Anna Gavalda, habe sie die Liebe zu Büchern vermittelt bekommen. Nach dem Abitur studierte sie in Paris zunächst Literatur, wurde dann Lehrerin, schrieb gelegentlich Liebes- und Trennungsbriefe für Freunde und hier und da eine Kurzgeschichte. Gavalda selbst liest am liebsten Schwergewichte wie Stendhal, Faulkner oder Proust.
Stört es sie eigentlich, dass sie als Unterhaltungsautorin gilt? "Überhaupt nicht", sagt sie. "Ich liebe es zu schreiben, mühe mich dabei aber ziemlich ab. Leichtigkeit zu erzeugen ist das Schwerste überhaupt. Deshalb freue ich mich, wenn ich von vielen Menschen Zuspruch bekomme." Und Unmengen von Briefen, die die Autorin alle handschriftlich beantwortet.
Sehr ökonomisch ist das nicht. Ebenso wenig wie Gavaldas Neigung, einen guten Teil der Bucheinnahmen an Freunde und Bekannte zu verschenken, die finanzielle Probleme haben. Das klingt ein bisschen so, als wäre sie zu einer ihrer großherzigen Romanfiguren geworden. "Wenn ich alt bin, werde ich keine großen Rücklagen haben, dafür Hühner, einen Gemüsegarten und meine Bücher", sagt Anna Gavalda und lehnt sich amüsiert in den Sessel zurück. Ihre Alters-Vision scheint ihr nicht viel auszumachen. Im Gegenteil. Vielleicht geht Glück tatsächlich so. Warum auch nicht? Solange die Hühner fleißig ihre Eier legen. Und Anna Gavalda sie nicht alle verschenkt.
Neu von Anna Gavalda:
"Alles Glück kommt nie", übersetzt von Ina Kronenberger, 640 Seiten, 24,90 Euro, Hanser
Buchsalon: Vier Leserinnen haben für BRIGITTE.de exklusiv vorab "Alles Glück kommt nie" gelesen. Lesen Sie, wie Ihnen der Roman gefallen hat.














Happy Lektüre!!
Peela