Stellen wir uns das Ganze einmal als Anfang eines Comic-Strips vor. Erstes Bild: Line Hoven, 31 Jahre, kurzer Pony, dunkler Zopf, sitzt konzentriert an ihrem Schreibtisch im Hamburger Schanzenviertel, sie hat ein spitzes Messer in der Hand, vor ihr liegt ein schwarzer Karton. Linie für Linie schabt Line Hoven das Schwarze aus dem Karton weg. Übrig bleibt ein neun mal neun Zentimeter großes Quadrat, ausgefüllt von großen, verstörten Augen und einem schmalen Mund.
Ulli Lust
Zweites Bild, zur selben Zeit in Berlin: Ulli Lust, 41, nimmt sich Seite 311 ihres im kommenden Jahr erscheinenden Comic-Romans vor. Seit drei Stunden sitzt sie schon an ihrem von Tuscheflecken übersäten Leuchttisch, gerade macht sie mit Bleistift die Vorzeichnung eines jungen Mädchens, ihrer Hauptfigur. Bald wird es Zeit für ihren Mittagsschlaf, das ist ein Ritual: vier Stunden am Schreibtisch, dann eine halbe Stunde ins Bett.
Viele Comic-Zeichnerinnen beschreiben ihre Arbeit als eine Art kreative Idylle, die Szene scheint so etwas wie ein Biotop für Lebenskünstlerinnen zu sein. Eines, in dem sie immer erfolgreicher werden. Zum deutschen Branchentreffen, dem Comic-Salon in Erlangen Ende Mai, kamen rund 300 Zeichner, knapp ein Drittel davon Frauen. Die Hamburgerin Anke Feuchtenberger, 45, wurde dort mit dem Max-und-Moritz-Preis als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin ausgezeichnet, Line Hoven und Isabel Kreitz waren für den besten deutschen Comic nominiert.
Während Comics früher eindeutig Männerlektüre waren, stellen sich die Verlage nun auf ein weibliches Publikum ein. Sind es die Themen, die die Zeichnerinnen anpacken? Gibt es einen weiblichen Comic-Stil? Traditionell arbeiten Männer sich vielleicht eher an Superhelden-Mythen oder stilisierten Gewaltorgien ab - die Comic-Künstlerinnen zeichnen dagegen nah am Leben.
Claire Lenkova
Line Hoven, die Detailverliebte, hat in ihrem ersten Buch "Liebe schaut weg" ihre Familiengeschichte aufgearbeitet, ihre Hamburger Kollegin Claire Lenkova, die Verspielte, hat für ihr im Frühjahr erschienenes Buch "Alle meine Freunde" eine Art Karteikasten ihrer Sozialkontakte entworfen. Anke Feuchtenberger gilt mit ihren rätselhaften, oft verstörenden Zeichnungen als Wegbereiterin für die Frauen in der Comic-Szene. Und die Berlinerin Ulli Lust, die Realistische, hat sich nicht nur durch so genannte Comic-Reportagen einen Namen gemacht, sie macht sich auch aus antiken Fruchtbarkeitsmythen einen bunten Spaß. "Ich erlebe Zeichnerinnen als fleißiger", sagt Anke Feuchtenberger. "Sie arbeiten umfangreicher, haben Lust, über sich zu erzählen und ein bisschen mehr ans Eingemachte zu gehen."
Line Hoven sagt, es wüssten einfach immer noch zu wenige Frauen, dass es viele Comics gibt, "die einen wirklich bereichern, textlich und künstlerisch" - abseits von Superheldenund Fantasy-Geschichten, abseits der japanischen Mangas, die überwiegend von jungen Frauen gelesen werden.













