E-Mail-Wechsel: Daniel Glattauer über die Liebe

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  • Lieber Herr Glattauer, bevor unsere Mails immer länger werden, möchte ich mich aus Platzgründen nun mit dieser von Ihnen verabschieden. Aber auch um der Liebe noch ein paar 12-Uhr-Nachts-Geheimnisse zu lassen. Und deshalb auch nichts zum Betrug sagen, ein Wort, das ohnehin keinen schönen Klang hat. Und nur so viel zum Jeder-darf-alles-und-alle-in-unserer-Beziehung-Gedanken: Das will meist nur der eine, der andere glaubt lediglich, er akzeptiere es aus freiem Willen...

    Ich möchte lieber noch eine kleine Geschichte über Zeichen der Liebe erzählen. Vor zwei Jahren reiste ich zu dem Nomadenvolk der Tuwa im äußersten Westen der Mongolei, in das Altai-Gebirge. Als ich am ersten Morgen zum Fluss ging, kam einer der Männer auf mich zu. Er befühlte meinen Oberarm und roch kurz an mir. Die Tuwa nehmen den Menschen zunächst durch die Nase wahr, heißt es. Ab diesem Moment war ich die Freundin von Papisan, dem Obertonsänger. Der mich auch weiterhin gern hatte, als ich nach einigen Tagen nur noch nach Deo, Sonnencreme und Hammelfett roch. Manchmal auch nach Wodka. Ungewaschen, weil ich mich nicht im Fluss waschen durfte. Denn der ist heilig. Papisan stieg jeden Morgen, bevor die Sonne aufging, auf den Berg hinter meiner Jurte. Und wenn er wieder abstieg, kam er zur Jurte und überreicht etwas. Eine Feder, einen Bergkristall. Und einmal, als wir Wildzwiebeln, Johannisbeeren und Kräuter sammeln gingen, blieb er plötzlich stehen und ritzte etwas in den Schiefer, aus dem der halbe Altai besteht. Zwei Schwäne auf einem See, die ihre Hälse zu einem Herz verknoten, im Hintergrund eine Jurte, aus der Rauch aufsteigt. Dann deutet er auf sich und auf mich. Dieser Moment war mir damals peinlich. Ziemlich sogar. Ich mag ja nicht das Offensichtliche, eher das Beiläufige. Zum Abschied nach zwei Wochen legte er seine Hand auf mein Herz (na ja, vielleicht auch, weil es direkt über dem Busen liegt) und sagte mir Dinge, die ich nicht verstanden habe, weil ich seine Sprache nicht spreche. Das Herz ist für die Tuwa der Ort, wo die Angst und der Mut eng beieinander hocken. Und dann schlang er mir einen roten Faden mit einem kleinen Knochen, dem Kniegelenk eines Wolfes, um den Hals. Mit den Nomaden zu gehen heißt, etwas zu empfangen, ohne danach zu suchen, sagt man.

    Und Herr Glattauer, auch, wenn wir nun ausdauernd über die Liebe geschrieben habe, in ihrem Wesen ist sie doch so: einfach, klar, schnörkellos, ohne Scham und ohne Umwege, zu Halbheiten nicht fähig, nicht wahr? Der Altai hat nun eine Felszeichnung, die von mir und einem kleinen Obertonsänger erzählt, und vielleicht steht in tausend Jahren jemand davor und denkt sich seine ganz eigene Geschichte dazu. Und vielleicht liest jemand in ein paar hundert Jahren in einer riesigen Digital-Bibliothek unseren konservierten E-mail-Dialog. Was mag er denken? Über unseren Blick auf die Liebe, über Männer und Frauen in unserer Zeit? Herr Glattauer, ich werde Ihre mails, die mir vieles erzählt haben, von dem ich vorher gar nicht wusste, dass ich es wissen will, bestimmt ein wenig vermissen.
    Ihre Beatrix Gerstberger

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  • Text: Beatrix Gerstberger
    Fotos: Patrick Ohligschläger, Deuticke/corn.at
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 13/09
Letzte Kommentare
  • Anne
    am 12.03.12 um 10:35
    Liebe Brigitte-R. Frau Gerstenberger, Herr Glattauer,
    3xDANKE ! 1. Dafür, dass Brigitte einem Gespräch wie diesem so viel Raum und Portal gegeben hat. 2. Danke Frau Gerstenberger, dass sie sich trauen, mit einem Mann und Belletristik-Ikone wie Herrn Glattauer ein so ehrliches Gespräch zu führen und dafür, dass sie entgegen aller gesellschaftlichen Rollengleichmachungsbestrebungen ihre Weiblichkeit - vor allem im Job - selbstbewusst "unverstecken". Endlich: Männer und Frauen sind nicht gleich, basta! Ein Mann hätte dieses Interview sicher auch gut und witzig führen können. Jedoch nur eine journalistisch begabte Frau ist zur Kreation des entstandenen außersaisonalen Weihnachtswortgefechtes in der Lage. Wenn Frauen in der Politik den Frauen im Land eine Quote verpassen möchten, bescheinigen sie Ihnen vor allem die Unfähigkeit, für sich selbst zu sprechen, einzustehen und mit der Männerwelt umzugehen. 3. Danke Herr Glattauer, dass Sie meine Erwartungen immer wieder erfüllen
  • Francis77
    am 21.06.09 um 22:08
    Gut getroffen! Bestimmt auch U2, Linkin Park, Cold Play, z.B. Trouble. Emmis Musikgeschmack wird bestimmt auch von ihren Teens beeinflusst...Und für den AHA-Effekt, den sie im ersten Buch hat: Ich + Ich- du erinnerst mich an Liebe. Den Whisky sehe ich als Sinnbild, um starke Gefühle schnell und effektiv wegzuspülen. Die Steigerungform von Whisky heißt dann wohl Verdrängung...;-)
  • Grace
    am 19.06.09 um 21:01
    Emmi? Sehr gute Frage, vielleicht Sting? Alanisse Morissette (bestimmt falsch geschrieben), also auf keinen Fall Schlager und weniger POP, bestimmt auch gerne Klassik, vielleicht auch die Rolling Stones und Oasis.
    Lese gerade "Alle sieben Wellen" - es ist echt richtig schlimm mit den Büchern, alles verwahrlost, bis sie durch sind und das Emmi auch so gerne Whisky trinkt-unfassbar..
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