Der Mann, der die Frauen verwandelt

Der französische Star-Regisseur François Ozon braucht dafür nur einen Blick. Aber der hat es in sich. Der Beweis: sein neuer Film "Die Zeit, die bleibt".

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François Ozon

François Ozon

Er könnte Schauspieler sein. Oder Model. Braune Augen, dunkler Teint, dichtes, fast schwarzes Haar. Ein französischer Clooney-Typ, nur kleiner und zarter als das US-Idol. Tatsächlich hat François Ozon schon mit acht als Kinder-Model gearbeitet. Drei Jahre reiste er mit seiner Mutter von einem Foto-Shooting zum nächsten. Bis zu dem Tag, als ihn seine Schulkameraden in Unterwäsche in "3 Suisses", dem französischen Pendant zum Quelle-Katalog, sahen und die ganze Klasse über ihn lachte. Dann, mit 18, wollte er Schauspieler werden, doch er hatte einen schrecklichen Lehrer. "Ein Sadist", sagt er, er fühlte sich ständig erniedrigt. Danach war ihm klar: Er wollte selbst bestimmen können. "Ich beschloss, Filmemacher zu werden, aber ein sanfter."

François Ozon, 38, wurde Regisseur - ein sanfter, ein erfolgreicher und ein besessener. Seit 15 Jahren dreht er pausenlos: 30 Studentenfilme, 17 Kurzfilme und seit 1998 neun Spielfilme, darunter sein Divenspektakel "8 Frauen" (2001), das ihn weltweit bekannt machte. Auch jetzt steckt er gerade mitten im Drehbuchschreiben, im Gespräch wirkt er, als stehe er unter Strom. Rutscht auf dem Polster hin und her, beugt sich nach vorn, um sich die Schnürsenkel fester zu binden, springt auf, um sich eine Cola zu holen, und rennt dann, sich entschuldigend, zur Toilette. Erst nach einer Weile entspannt er sich ein bisschen. Er lehnt sich zurück. Ein gepflegter Franzose im Intellektuellen-Outfit: schwarze Hose, schwarzer Rolli, schwarzes Sakko. Er schaut sein Gegenüber für einen Moment aus sehr sanften Augen an - man bekommt eine Ahnung davon, wie er als Regisseur seine Schauspieler und vor allem Schauspielerinnen anschaut.

Ozon pflegt zu den meisten von ihnen ein inniges Verhältnis. Er selbst spricht von "Liebesbeziehungen, aber nicht im sexuellen Sinne". "Zauberkünstler" oder schlicht "genialer Frauenregisseur" nennen Kritiker ihn, weil sich unter seinem Blick die Frauen verwandeln. Es ist ein zärtlicher Blick, der selbst Frauen, die lange nicht mehr im Scheinwerferlicht standen, auf der Leinwand strahlen lässt. Wie jetzt Jeanne Moreau in seinem neuen Film "Die Zeit, die bleibt" (ab 20. April im Kino). Der legendäre Truffaut-Star ("Jules und Jim") spielt eine kleine Rolle als Großmutter. In einer der schönsten Szenen streicht sie, inzwischen 78, ihre blonden Haare zurück, legt den Kopf schief, spitzt die Lippen – und beginnt, ihre Pillen zu sortieren. Eine fürs Herz, eine für die Knochen, eine für die Haut, und dabei flirtet sie unentwegt mit der Kamera.

Was fasziniert Ozon so an der Arbeit mit Frauen, zumal mit solchen, die ein paar Jahrzehnte älter sind als er? Die Antwort kommt prompt: "Es gab einen Wendepunkt in meinem Leben. Da habe ich gemerkt, dass ich von mir selbst durch Frauenfiguren sprechen kann. Auf eine indirekte Art, aber viel intimer." Der Wendepunkt war seine Arbeit mit Charlotte Rampling. In seinem Melodram "Unter dem Sand" (2000) spielt sie eine Witwe, die den Tod ihres Mannes nicht wahrhaben will. Ozon machte zu der Zeit selbst gerade eine Trennung durch.

Bis dahin galt der Regisseur in Frankreich als Enfant terrible, weil er meist provozierende Werke voller Gewalt schuf. Und plötzlich präsentierte er ein leises Kammerspiel mit einer 59-jährigen Hauptdarstellerin. Für Rampling war es ein Comeback, als Charakterdarstellerin und als Frau mit einem ungemeinen Sexappeal. Keiner hatte ihr Gesicht bisher so gefilmt wie Ozon: ungefiltert und zugleich hingerissen von ihrer in die Jahre gekommenen Schönheit. Er machte die Bitterkeit und Härte um ihren Mund ebenso sichtbar wie ihr verführerisches Strahlen. Seine "ideale Doppelgängerin" nennt der 38-Jährige Charlotte Rampling. Drei Jahre später ließ er sie in "Swimming Pool" ungeschminkt und mit kurzen Haaren spielen.

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  • Ariane Heimbach
    Fotos: Prokino
    BRGITTE 09/06
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