Der Mann, der die Frauen verwandelt

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Valeria Bruni Tedeschi in "Die Zeit, die bleibt"

Valeria Bruni Tedeschi in "Die Zeit, die bleibt"

Vielleicht wirkt er äußerlich so perfekt, weil er alle Abgründe in seinen Geschichten lässt. Aber woher kam damals diese Wut? Seine Kindheit scheint behütet gewesen zu sein. Er wuchs als Ältester von drei Geschwistern am linken Seine-Ufer in Paris auf, seine Eltern, beide Lehrer, nahmen ihn früh mit in Ausstellungen, ins Theater, ins Kino. "Behütet?" Ozon runzelt die Stirn. "Meine Eltern waren nach außen hin sehr offen, aber in der Familie gab es strenge Regeln und Rituale", sagt er. "Die Grausamkeiten des Lebens habe auch ich mitbekommen." Punkt. An dieser Stelle blockt er alle weiteren Fragen ab. Welche Verletzungen er damit konkret meint: Liebeskummer, Trennung, Verlust? Auf seinem glatten Gesicht gibt es keine Spuren davon.

So unterschiedlich seine Filme auch sind, das Scheitern der Liebe ist sein Dauerthema. Immer, wenn er auf der Straße ein glückliches Paar sieht, denkt er sofort: Auch dieses Glück wird enden. "Wir leben in einer unersättlichen Gesellschaft. Wenn die Leidenschaft erlischt, trennen wir uns." Er kennt diese Unersättlichkeit, er ist schön und erfolgreich, und er sagt: "Ich war schon sehr, sehr oft verliebt." Seine Eltern sind seit 40 Jahren zusammen. Eine andere Generation. Wie machen sie das? Wie verändert sich die Liebe? Das beschäftigt ihn. Ob er mit ihnen darüber redet? Nein.

Das stärkste Gefühl, wenn man aus einem Ozon-Film kommt, ist Einsamkeit. Auch in "Die Zeit, die bleibt" mit Valeria Bruni Tedeschi und Marie Rivère ist der 30-jährige Held (gespielt von Melvil Poupaud) allein. Er ist schwul, wie Ozon selbst, aber das spiele für die Handlung keine Rolle. "Er ist kein Doppelgänger von mir", betont er. Der Film erzählt von einem Modefotografen, der plötzlich erfährt, dass er in Kürze sterben muss. Bis dahin lässt Ozon ihn kämpfen. Nicht gegen die Krankheit, sondern mit sich selbst. "Es geht darum, dass sich ein Mensch selbst lieben muss, bevor er in Frieden sterben kann", sagt Ozon. Das erzählt der anrührende Film ohne Pathos. Jeder Tag verstreicht, und der Tod rückt näher. Und ganz allmählich vollzieht sich die innere Wandlung des Helden. Mit dem Abschied vom Leben kommt er zugleich bei sich selbst an.

Die Kritik in Frankreich war geteilt. Zu kühl, zu langweilig, zu schwul, fanden die einen. Unsentimental, ehrlich und sehr menschlich, urteilten die anderen. Nur von den Frauen im Film waren wieder alle begeistert.

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  • Ariane Heimbach
    Fotos: Prokino
    BRGITTE 09/06
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