"Ich dachte, ich schaffe das nicht"

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Fritzi Haberlandt in "Erbsen auf halb 6"

Fritzi Haberlandt in "Erbsen auf halb 6"

Brigitte: War es auch besonders schwierig, die Lilly zu spielen?

Fritzi Haberlandt: Also, am schwersten war es, sehend blind zu spielen: die Augen offen zu haben und vor jemandem zu stehen und trotzdem zu spielen, dass man ihn nicht sieht. Am Anfang dachte ich, ich schaffe das nicht. Mein ganzes Gesicht war völlig verkrampft, und ich fühlte mich in meinen Mitteln total eingeschränkt. Wie soll ich ohne Blick Gefühle ausdrücken?

Brigitte: Hat die Rolle der Lilly eine bleibende Veränderung bei Ihnen hinterlassen?

Fritzi Haberlandt: Eher die Vorbereitung darauf. Die Erfahrungen mit der Dun-kelheit. Dass Sehen nicht nur etwas Visuelles ist. Dass man die Welt auch erfahren und ganz normal in ihr leben kann, ohne sie zu sehen. Früher habe ich geglaubt, die Augen sind das Wichtigste. Damit schränkt man sich aber ganz schön ein. Zur Vorbereitung auf meine Rolle habe ich an einem "Dinner in the Dark" hier in Hamburg teilgenommen und musste feststellen, dass ich Porree nicht am Geschmack erkennen kann. Jetzt achte ich viel mehr darauf, wie etwas schmeckt.

Brigitte: Dabei funktioniert gerade Gedächtnis und Erinnerung oft über Geschmäcke und Gerüche.

Fritzi Haberlandt: Ja, unbedingt. Der absolute Klassiker meiner Kindheit war das "Westpaket" mit Kaffee, Schokolade, Gummibärchen und neuen Klamotten. Dieser Duft, der da aus dem Karton stieg, den kann ich heute noch aus dem Gedächtnis abrufen. Vor ein paar Jahren habe ich noch mal so eine Idee davon gefunden. Das war im KaDeWe in Berlin. Da dachte ich plötzlich: Huch, hier riecht's wie Westpaket.

Brigitte: In "Erbsen auf halb 6" gibt es eine Szene, in der Lilly sagt, dass sie sich bei ihrem Freund Paul zuerst in seine Stimme verliebt hätte. Könnte Ihnen so etwas auch passieren?

Fritzi Haberlandt: Hm, schwierig. Ich weiß, dass eine schöne Stimme ganz viel ausmachen kann. Zum Beispiel habe ich jahrelang für die deutsche Stimme von Robert de Niro geschwärmt. Ich war hin und weg, wenn ich die hörte. Ich war überzeugt, das muss der tollste Mann der Welt sein. Ging gar nicht anders, bei der Stimme. Dann habe ich ihn das erste Mal live im Fernsehen gesehen - und war leider total enttäuscht. Er sah kein bisschen so aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Am Ende sind doch die Augen davor, fürchte ich.

Brigitte: Aber macht Liebe nicht "blind"?

Fritzi Haberlandt: Also, für den Film haben wir das umgedreht, sozusagen die Gegenthese aufgestellt. Wir haben gesagt: Die Blinden lernen durch die Liebe sehen. Das finde ich eine sehr schöne Formulierung. Und eigentlich ist es genau das, was Liebe bewirken muss.

Fritzi Haberlandt wurde 1975 in Ost-Berlin geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin. Dort entdeckte sie der Regisseur Robert Wilson und engagierte sie für seine New Yorker Uraufführung "The Days Before". Heute ist Fritzi Haberlandt festes Ensemble-Mitglied am Hamburger Thalia Theater, wo sie derzeit als "Lulu" auf der Bühne steht. Zweimal bekam sie den Theaterpreis als "Nachwuchsschauspielerin des Jahres", außerdem den Bayerischen Filmpreis als "Beste Nachwuchsdarstellerin" für ihr Kino-Debüt in der Ingrid-Noll-Verfilmung "Kalt ist der Abendhauch".

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  • Fotos: Andre Rival, Senator
    Interview: Silja Ukena
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