"Eigentlich bin ich absolut bieder"
Moritz Bleibtreu in "Elementarteilchen"
Brigitte.de: Du kanntest das Buch "Elementarteilchen" vorher. Hast Du bei der Lektüre jemals gedacht: "Oh, ja, das ist ein toller Filmstoff"?
Moritz Bleibtreu: Überhaupt nicht. Für mich war das eines der Bücher, die überhaupt nicht nach Film schreien, weil der ganze Roman eine Erklärung von Innenwelten ist. Aber als Oskar Roehler mir - zu der Zeit als wir "Agnes und seine Brüder" gedreht haben - von seinem neuen Filmprojekt erzählt hat, habe ich gedacht, okay, wenn der sich das traut und wenn der meint, daraus einen Film machen zu können, dann wird das sicher auch gut. Und nach wie vor finde ich, dass Oskar etwas ganz Großes gelungen ist. Wenn man in Deutschland Preise vergeben würde für das beste adaptierte Drehbuch, dann wäre Oskar garantiert nicht nur nominiert, sondern würde auch gewinnen.
Brigitte.de: Der Roman ist deutlich düsterer als der Film.
Moritz Bleibtreu: Ja, es ist aber auch ein Unterschied, ob du Leute in einem Buch mit Innenwelten konfrontierst oder ob du Dinge visualisierst. Es gibt Kinogesetze, die kann man nur ganz schwer umschreiben. Wenn man sich da an Houellebecq orientiert hätte, dann wäre das ein Film geworden, der nur wehtut, den aber auch wirklich keiner mehr sehen will. Es ist ja weiß Gott nicht so, dass der Film ein Happyend hat. Trotzdem gibt es einen Hoffnungsschimmer. Und das finde ich generell sehr wichtig bei Filmen.
Brigitte.de: Am Ende stehst Du als Bruno vor der schweren Entscheidung, ob Du bei Deiner behinderten Freundin bleibst oder nicht. Hast Du Dir persönlich auch die Frage gestellt, was Du in dieser Situation machen würdest?
Moritz Bleibtreu: Das sind Fragen, die man sich gar nicht stellen darf bzw. sind das Situationen, bei denen man von sich selbst nie sagen kann, wie man reagieren wird, bevor man in so eine Situation gerät. Mal abgesehen davon, dass das eine grauenhafte Sache ist, die wirklich keiner erleben will, steckt für mich in dieser Szene auch eine ganz allgemeine Aussage: Dass man generell zu der Person stehen muss, die man liebt. Das fängt bei viel kleineren Sachen an und nicht da, wo jemand im Rollstuhl vor dir sitzt. Viele Leute finden immer noch einen Grund, wieso es dieser Mensch nun gerade nicht ist oder was doch wieder fehlt und nicht richtig ist. Sie müssen lernen zu sagen: "So, du bist es jetzt" und sich dann auch dementsprechend verhalten.
Brigitte.de: Fällt es Dir leicht, vor der Kamera zu weinen?
Moritz Bleibtreu: Sicherlich gehört es zum Job eines Schauspielers auf seine Gefühle Zugriff zu haben, aber es hängt dann doch immer sehr viel davon ab, ob man eine Situation und einen Text hat, der einen schickt oder nicht. Es ist wahnsinnig schwer, über die Mango hier (zeigt auf den Obstteller vor sich) zu sprechen und dabei zu heulen. Etwas anderes ist es, wenn man einen Text hat, der einem viel gibt. Das macht das Weinen vor der Kamera viel leichter, aber es gibt da keine Knöpfe, auf die ich drücken kann.
Brigitte.de: Die ganzen Leute, die um einen herumstehen, machen es einem in so einer Situation ja auch nicht gerade leichter ...
Moritz Bleibtreu: Absolut. Das ist ja generell so beim Spielen. Ich finde es ein bisschen blöd, dass Preise gern für die Rollen vergeben werden, wo es genau darum geht. Das ist ein kleiner Teil beim Spielen, da kommt so viel anderes dazu und trotzdem ist es offensichtlich das, was die Leute am meisten beeindruckt. Dabei ist so etwas wie Weinen für einen Schauspieler oftmals viel einfacher, als Dinge zu spielen, die subtiler sind. Bezogen auf "Elementarteilchen" würde ich zum Beispiel sagen, dass meine Rolle "einfacher" zu spielen ist als die von Christian Ulmen.













