"Wo einer herkommt, ist egal"

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Brigitte.de: Fühlten Sie sich in der DDR eingeengt, mussten Sie auf Dinge verzichten?

Jan Josef Liefers: Aus heutiger Sicht würde ich das schon bejahen. Nach dem Mauerfall habe ich viele Sachen machen und richtig Gas geben können. Ich weiß nicht, ob das im Osten auch so gelaufen wäre. Wahrscheinlich nicht. Damals habe ich darüber aber gar nicht nachgedacht. Ich war ja auch noch relativ jung, als die Mauer fiel, gerade mal 25. Ich hatte das Studium beendet und war am Deutschen Theater in Berlin, ein Traum-Engagement, die höchste Decke, an die du als Schauspieler im Osten stoßen konntest. Dort habe ich mit tollen Schauspielern zusammen gearbeitet und mich gar nicht woandershin gesehnt.

Brigitte.de: Sie haben in all den Jahren also nie darüber nachgedacht, die DDR zu verlassen?

Jan Josef Liefers: Als ich 23 oder 24 war, kam die „unwiderrufliche Einberufung“ in die NVA. Da habe ich gedacht, das geht nicht, ich kann da nicht hingehen. Zu der Zeit habe ich mit Heiner Müller zusammen gearbeitet und ihm davon erzählt. Er hat mir einen Anwalt empfohlen. Und dieser Anwalt war Gregor Gysi. Der hat mir gesagt, dass die Rechtslage so etwas wie eine Verweigerung nicht vorsieht, mir aber den Rat gegeben, einen persönlichen Brief mit meinem Anliegen zu schreiben. Im Antwortschreiben stand, das sei völlig inakzeptabel, es gäbe Gesetze, denen ich genau wie alle anderen unterliege, und ich hätte mich im Oktober zum Armeedienst einzufinden. Dieser Brief kam im Frühjahr 1989 - und im Herbst hat sich das Ganze dann von selbst erledigt.

Brigitte.de: Haben Sie noch Kontakt zu Gregor Gysi?

Jan Josef Liefers: Nein, ich habe ihn seitdem nie wieder getroffen. Ich weiß auch gar nicht, ob er sich daran erinnert. Ich erinnere mich nur so genau, weil Gysi es nicht lassen kann und immer wieder vorne mitreitet. Ich weiß auch nicht, ob Matthias Sammer sich daran erinnert, dass wir als Kinder zusammen Fußball gespielt haben.

Brigitte.de: In Ihrer Heimatstadt Dresden.

Jan Josef Liefers: Ja, auf den Wäschetrockenplätzen hinter dem Haus meiner Oma. Die Sammers wohnten gegenüber. Und der Vater von Matthias war mein Held, ein großartiger Fußballspieler und damals Stürmer bei Dynamo Dresden.

Brigitte.de: Gibt's bei Ihnen so etwas wie eine ostdeutsche Identität?

Jan Josef Liefers: Die gibt es natürlich schon, aber das heißt nicht, dass jemand, bloß weil er aus dem Osten kommt, automatisch mein Kumpel ist. Im Gegenteil: Ich fand diesen Versuch der Gettoisierung furchtbar und habe mich immer geweigert, als Quoten-Meinungs-Ossi in Erscheinung zu treten: Ich war in keiner Ostalgie-Show, und ich äußere mich auch nicht dazu, wenn Stoiber wieder ein Ding "raushaut".

Brigitte.de: Wie wichtig war es denn für den Film, die Hauptrollen mit Ostdeutschen zu besetzen?

Jan Josef Liefers: Das hat bestimmt instinktiv zur Authentizität des Films beigetragen. Eine Erfahrung, die man selbst gemacht hat, lässt sich eben durch nichts ersetzen. Wir wussten alle genau, wovon wir sprechen. Aber für viele ist der Osten ja deshalb das große Rätsel, weil sich niemand bemüht, es zu lösen. Der Film zeigt, dass die Leute im Osten und Westen nicht völlig verschieden sind, aber wenig Verständnis füreinander haben. Wie oft habe ich in der Vergangenheit den Satz gehört: "Du bist aus dem Osten? Das merkt man gar nicht." Daraufhin habe ich immer gefragt: "Warum, was meinst Du denn damit?" Eine Antwort habe ich nie bekommen. Diese Art von Denken, die ist mir total fern. Wenn gute Musiker zusammen kommen und sagen, wir spielen jetzt gemeinsam "In the Mood" und sie alle das Stück kennen, dann werden sie das auch gut hinbekommen. Es ist doch völlig egal, wo einer herkommt. Ob man über das Gleiche redet, das ist die Frage.

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  • Interview: Katharina Wantoch
    Fotos: ZDF/Svenja von Schultzendorff
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