Miranda July: Die Alleskönnerin
Mit 16 führte July ihr erstes Theaterstück in einem berüchtigten lokalen Punk-Club auf und beschloss, sich (nach einer von ihr erfundenen Figur) den Künstlernamen July zu geben - geboren wurde sie als Miranda Grossinger. Das College verließ sie nach dem zweiten Studienjahr, weil "ich nicht sehr gut darin bin, mir etwas beibringen zu lassen", nistete sich stattdessen in der Underground-Szene von Portland, Oregon, ein und experimentierte mit Video, Musik und Performance. Mit Mitte zwanzig, und darauf ist sie stolz, konnte sie von ihrer Kunst leben.
Inzwischen wohnt Miranda July in Echo Park, einem ziemlich rauen, überwiegend von lateinamerikanischen Einwanderern und jungen Bohemiens bewohnten Viertel im Nordosten von Los Angeles. Heute muss sie Erledigungen in einem Künstlerbedarfsladen am Beverly Boulevard machen, etwa 20 Minuten Autofahrt vom "Brite Spot" entfernt. Für den nächsten Tag hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem Regisseur Mike Mills ("Thumbsucker"), einen Haufen Freunde zu sich eingeladen, um gemeinsam Grußkarten zu basteln. Dafür will sie Scheren, Kleber, Pappe und anderes Zubehör erstehen.
"Am Ende des Abends herrscht immer völliges Chaos, aber ich finde es wunderbar zu sehen, was den Leuten einfällt", sagt Miranda July, während sie eine Packung mit Plüschpompons aus dem Regal nimmt. Die Bastelparty könnte fast Teil ihres Werks sein - sie ähnelt dem Internetprojekt "Learning to Love You More", das July zusammen mit dem Künstler Harrell Fletcher 2002 ins Leben gerufen hat: Die beiden Initiatoren stellen unkonventionelle "Aufgaben" ins Netz, die jeder Interessierte erfüllen kann, etwa: "Fertigen Sie ein ermutigendes Spruchband an." Oder: "Fotografieren Sie Ihre Eltern bei einem Kuss." Oder: "Schreiben Sie ein Telefonat auf, das Sie gern führen würden." Die Ergebnisse dieses Feldversuchs sammeln July und Fletcher auf ihrer Website, eine Auswahl liegt inzwischen auch in Buchform vor. "Learning to Love You More" ist ein Archiv kleiner, unwichtiger, aber trotzdem komplexer Augenblicke, echt und zugleich künstlich - eine Erleuchtung und Verzauberung des Alltags. Die allerletzte Seite des Buches zeigt bezeichnenderweise ein Transparent mit dem Spruch: "Du bist nicht allein."
Glaubt sie das? Gelingt es dem Fräulein Rührmichnichtan wirklich, mit ihrer Kunst jene Augenblicke des "gegenseitigen Erkennens" zu schaffen, von denen sie träumt?
"Manchmal", sagt Miranda July zögernd, "aber das Gefühl bricht auch schnell wieder in sich zusammen." Dann fühlt sie sich von Menschen wie der jungen Frau im Lokal getröstet. "Ich selbst würde zwar nie einen wildfremden Menschen fragen, ob ich ihn umarmen darf, und ich schäme mich fast für sie", gibt sie zu, "aber ich bin zugleich auch stolz. Dieses Mädchen findet sich in meiner Arbeit wieder. Das heißt für mich, dass ich etwas richtig mache."
Das Buch
Miranda July: "Zehn Wahrheiten"
Ü: Clara Drechsler und Harald Hellmann, 272 S.,
18,90 Euro, Diogenes, erscheint am 22. Februar.
Der Film
"Ich und du und alle, die wir kennen"
DVD, 2006 erschienen bei Alive.
Die Websites
www.mirandajuly.com,
offizielle Homepage der Künstlerin.
www.learningtoloveyoumore.com
das interaktive Kunstprojekt von Miranda July und Harell Fletcher.
www.noonebelongsheremorethanyou.com,
von Miranda July selbst gestaltete Website zur amerikanischen Ausgabe von "Zehn Wahrheiten".













