Autor trifft Stimme

Im Mai touren der Kultautor T.C. Boyle und Schauspieler Jan Josef Liefers gemeinsam für uns durch Deutschland. In Boyles Heimat Kalifornien haben sich die beiden Stars der Brigitte-Lesetour schon mal kennen gelernt.

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Was für 'ne Begrüßung. Da steht T. C. Boyle in seiner Haustür und ruft, unverkennbar Mitleid in der Stimme: "Mann! Wie siehst du denn aus?" Jan Josef Liefers grinst leicht gequält. Wie er aussieht? Den Umständen entsprechend, danke. Übermüdet, gejetlagt, drei Flüge in den Knochen. "Ich bin Jan", sagt einer der beliebtesten Schauspieler Deutschlands und reicht seinem Gegenüber die Hand. "Ich bin Tom", sagt einer der berühmtesten Schriftsteller der Welt und nimmt sie. Führt Liefers durch das Wohnzimmer auf eine kleine Terrasse. Bietet ihm Tee an. Liefers blinzelt in die kalifornische Nachmittagssonne und atmet tief durch. Angekommen. Endlich.

35 Stunden hat er gebraucht. 35 Stunden bis zu dem Mann, dessen deutsche Stimme er ist. Liefers liest das Hörbuch zu Boyles Roman "Dr. Sex". Und er wird ab dem 17. Mai viel Zeit mit dem Schriftsteller verbringen, denn an diesem Tag startet die BRIGITTE-Lesetour durch Deutschland. Boyle und Liefers werden dann aus dem Buch lesen, sich Bälle zuspielen und sich und alle anderen auf höchstem Niveau unterhalten. In Hamburg geht es los, genau wie die Kennenlern-Reise des Jan Josef Liefers.

Von hier aus ist er nach München gedüst, in extrem mieses Wetter. Den Direktflug nach Los Angeles unverschuldet verpasst, neun Stunden später nach New York gejettet, drei Mützen voll Schlaf in einem Flughafenhotel. Am nächsten Morgen aus dem eisigen Big Apple fünf Stunden ins sonnengetränkte L. A. geflogen. Raus aus dem Jet, rein in den gemieteten Cadillac. Schnell nach Venice Beach, bei 22 Grad raus aus den Schuhen, Füße ins Wasser. Auf den Pacific Coast Highway, Fenster runter, Radio an, links zieht der Pazifik vorbei, rechts Malibu und Santa Monica. 120 Meilen später Santa Barbara. T. C. Boyle lebt hier, nebenan, in Montecito.

"Diese perfekte kleine Welt habe ich nicht geplant - aber hier ist sie“

Boyles Haus, gebaut 1909 von Architekten-Legende Frank Lloyd Wright

Boyles Haus, gebaut 1909 von Architekten-Legende Frank Lloyd Wright

Und wie: Das Haus des Schriftstellers ist eine kleine Sensation. Die Architekten-Legende Frank Lloyd Wright hat es 1909 gebaut, "das erste Haus von ihm in Kalifornien", sagt Boyle. Japanischer Teehaus-Stil, komplett aus Holz, 172 Fenster hat irgendwer mal gezählt. Im Wohnzimmer stößt Boyle fast an die Decke mit seinen 1,91 Metern. Er ist der vierte Besitzer, "vorher wohnte hier eine verrückte alte Dame", erzählt er. "Wenn ich einmal sterbe, wird das Haus wieder einer verrückten alten Dame gehören: meiner Frau."

Boyle kommt aus den Peekskill Mountains, drüben Richtung Ostküste. Woodstock ist nicht weit weg, und er war damals dabei, in jeder Beziehung: freie Liebe, freie Wahl der Drogen, das Leben Rock 'n' Roll. In den 70ern, da schon ein viel versprechendes literarisches Talent, ist er nach Los Angeles gezogen, Ende der 80er nach Santa Barbara, mit seiner Frau und drei Kindern. Hat die viel zu große Stadt eingetauscht gegen ein perfektes Idyll. Hohe Palmen, feiner Sandstrand, Yachthafen, eine im Kolonialstil durchgestylte Einkaufsstraße. Dahinter steigen sanft und spektakulär Weinberge in den Himmel - Santa Barbara könnte man sich nicht schöner malen. Da ist viel Geld im Spiel, das steht mal fest. Viel saturiertes Großbürgertum. Und mittendrin Thomas Coraghessan Boyle, der Spießerschreck. Der Ex-Hippie, Ex-Junkie, Ex-Kommunarde. Wie passt der hier rein?

"Och, ganz gut", sagt er. Er hat hier alles, was er so braucht: seinen Supermarkt, seine Bank, seine Kneipen, die Berge zum Wandern und die Hütte in den Wäldern zum Schreiben. 56 ist er inzwischen und immer noch eine schräge Erscheinung: so dünn wie lang, die roten Haare stehen wie eine Drahtbürste vom Kopf. Ein Ohrclip links, Lachfältchen an beiden Augen. Er schenkt Tee nach, selbst gebrüht, liebevoll gereicht in einem Service mit blauen Blümchen. Überhaupt: Er ist hier der Hausmann. Kocht, putzt, kümmert sich um den Garten, der nach Eukalyptus duftet. Seine Frau? "Die gibt das Geld aus, das ich verdiene." Er meint es nicht so.

Jan Josef Liefers erzählt von einer Radtour, die er hier mal gemacht hat, von Vancouver nach Los Angeles in einem Monat. 1990 war das, gleich nach der Wende, da ist er rübergekommen mit seinem Freund Tobi. Die ganze Küste sind sie runter mit dem Rad, "wir waren garantiert die ersten Ostdeutschen". Und da unten, am Strand von Santa Barbara, haben sie auch eine Nacht verbracht. "Oh, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich euch im Gästehaus schlafen lassen", sagt Boyle.

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  • Fotos: Tom Krausz
    BRIGITTE 10/05

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