Während des Vorentscheids für den Grand Prix im vergangenen Jahr kotzte mir meine Tochter auf den Schoß. In diesem Jahr schlief sie während der Sendung ein. Und das fasst ziemlich gut zusammen, welchen Eindruck "Unser Star für Oslo" machte. Aufgebaut ist die Sendung wie eine typische Castingshow – bloß dass die Kandidaten wohl kaum in einer anderen als dieser mitgemacht hätten. Statt der sonst üblichen Mischung aus Prolls und skurilen Freaks, sangen bei Raab überdurchschnittlich viele Akademiker und sogar ausgebildete Musiker. Das war angenehm fürs Ohr. Fürs Auge war es öde.
Bemüht um Understatement traten die meisten Kandidaten in Jeans auf, sogar die etwas überforderte Moderatorin trug ihre alten Hosen. Wo bleibt da der Glamour? Von Starfaktor keine Spur. Die Stars saßen in der Jury und waren die eigentliche Überraschung des Abends. Yvonne Catterfeld ist tatsächlich eine kluge, zurückhaltende und extrem sympathische Frau, wer hätte das gedacht? Und Marius Müller-Westernhagen, der in der Vergangenheit aus purer Arroganz auch schon mal Konzerte mit dem Rücken zum Publikum gesungen hatte, bemühte sich deutlich um Fairness und hilfreiche Kritik. Das kennt man so nicht aus Castingshows.
Und das ist vielleicht ein Problem: Denn junge Zuschauer haben bereits so viele Castingshows von "Supertalent" bis "DSDS" gesehen, in denen Glamour, Boshaftigkeit und Fremdschämen Normalität sind, dass ihnen "Unser Star für Oslo" möglicherweise einfach zu wenig emotionale Aufreger bietet. Vermutlich gewinnt deshalb auch nicht der beste Kandidat, sondern der, der der Gemächlichkeit der Sendung am meisten entgegensetzen kann. Gestern war das die 18-jährige Lena. Keine große Sängerin, aber lustig, originell, süß und ganz anders als alle anderen.
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