Krimi

Asa Larsson: Die Frau aus dem Eis

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Ihre Eltern führten eine offene Ehe, ihre Mutter verliebte sich in eine Frau. Für die Freikirche, der Åsa als Teenager angehörte, war das die größte Sünde

Diese Gott-Sache taucht häufig in Åsa Larssons Büchern auf, und auch jetzt, in diesem Gespräch. Ihre ersten beiden Bücher spielen im Milieu der Freikirchen, die es zuhauf im Norden Schwedens gibt. Auch die späteren kreisen um biblische Motive, um Moral und Glauben und die zerstörerische Macht der Kirche über den Einzelnen. Die Bücher sind keine Abrechnung mit Gott, aber mit dem Machtmissbrauch der Gottesmänner. Åsa hat mit der Kirche gebrochen, aber nicht mit der Spiritualität. "Die Bibel lese ich noch immer mit großer Freude. Aber ich glaube nicht mehr, dass sie das pure Wort Gottes ist." Ihre Exkursion in die Welt der Freikirchen begann, als sie 14 war. Sie erlebte eine Art religiöse Erweckung, mitten auf der Straße, auf einmal, sagt sie, "sprach Gott zu mir. Es fühlte sich an, als wäre ich mit der ganzen Welt verbunden". Åsa Larsson erzählt davon mit einem anderen Ausdruck, vorsichtiger, ohne den feinen Humor, den sie sonst hat. "Es war so, als würde man die Ewigkeit fühlen können." Heute würde sie es einfach eine Vision nennen, aber damals lief sie nach Hause, völlig verwirrt, und erzählte es ihrer Mutter. "Die konnte damit gar nichts anfangen", sagt sie, "meine Großeltern waren strenggläubige Laestadianer, und meine Eltern lebten das genaue Gegenteil. Sie führten eine off ene Ehe und waren politisch links. Wenn ich gute Noten heimbrachte, sagte mein Vater: Denk dran, diese Gesellschaft würde nicht funktionieren, wenn es keine Leute gäbe, die den Müll aufsammeln."

Auf einmal sprach Gott zu mir.

Ihre Mutter sagte: Ich weiß nichts über Gott. Geh in die Kirche und frag den Pastor. Åsa weiß nicht mehr, was er ihr sagte, aber es war überzeugend. Sie trat seiner Freikirche bei und ging bald ganz darin auf. "Ich nahm an allem teil: Bibelgruppe, Jugendclub, Chor, Kirchenputzgruppe." Sex war verboten, was sie las, war zensiert. Die strengen Regeln störten sie nicht, sie machte sie zu ihren. Bald hatte sie all ihre Freunde dort. "Die Entwicklung, die man normalerweise als Teenager macht, hat bei mir die Kirche untergraben", sagt sie. Der Konflikt brach auf, als sich ihre Mutter in eine Frau verliebte. "Es war die Liebe ihres Lebens, aber nach Ansicht der Kirche die größte Sünde." Åsa wusste nicht mehr, wo sie stand, "meine Mutter tat das einzig Richtige: Sie hörte mir einfach zu. Das half mir, meine eigene Stimme zu hören. Ich verstand, dass die Werte der Kirche nicht richtig sein konnten. Aber ich hatte auch keine eigenen".

Mit 22 verließ sie Kiruna, um sich dem Einfluss ihrer Gemeinde zu entziehen, und zog nach Uppsala. In ihrer ersten Wohnung saß sie auf ihrem Bett und überlegte: Was will ich selbst? "Sicher wusste ich nur: Ich mache mein Bett am Morgen und halte das Zimmer sauber." Sie schlidderte in ein Jurastudium. Tat, was die anderen Studenten taten: lernen, feiern, sich verlieben, von allem etwas mehr, weil sie ja ihr Maß nicht kannte. Sie zog nach Stockholm, arbeitete als Steueranwältin, war gut im Job, aber innerlich unausgefüllt. Sie malte Füchse, die rauchten und kluge Sätze sagten, und verschenkte sie an Freunde; als eine Zeitung die Cartoons kaufen wollte, fand sie es für eine Juristin unwürdig.

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  • Text: Meike Dinklage
    Fotos: Mikael Olsson/lundlund.com
    BRIGITTE 3/2013