Europa singt
Eurovision Song Contest in Baku: Die Vorab-Stilkritik
Am Samstag wird wieder Europas schönster Hit gesucht - beim Eurovision Song Contest in Baku. Bei welchen Darbietungen Sie genau hinschauen und -hören sollten oder eben besser nicht: eine Vorab-Stilkritik.
Griechenland
Das Kleid von Sängerin Eleftheria Eleftheriou knapp wie das Geld in Griechenlands Staatskasse, die Geste ihrer Mittänzer irgendwo zwischen "Weg mit dem Euro" und "Mischt Euch nicht in unsere Politik ein". Immerhin retten Alexis-Sorbas-Sirtaki-Anklänge den Song "Aphrodisiac" vor der totalen Ballermann-Beliebigkeit. Trotzdem: So richtig Lust macht dieser Song nicht.
Albanien
Da hat doch jemand Graf Zahl seinen Mantel geklaut! Ein bisschen was von seiner gruseligen Aura ist dabei auch auf Rona Nishliu übergesprungen. Beruhigend zu wissen: Was die stimmgewaltige Sängerin auf dem Dekolleté trägt, ist nicht der Schwanz ihrer Katze, sondern ein Ausläufer ihres Dreadlock-Arrangements. Aus ihrer Kehle erklingt dazu ein Klagelied namens "Suus". Miau!
Dänemark
Schick, eine dänische Avril Lavigne mit Kapitänsmütze. Sollte Soluna Samays Dampfer beim ESC untergehen, kann man die Dänin nur an ihren eigenen Songtitel verweisen: "Should have known better". Doch die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie mit ihrer Nummer oben mitschwimmt.
Irland
Diese beiden Flummis kommen Ihnen irgendwie bekannt vor? Richtig, die Jedward-Twins machen die Lena und treten zweimal hintereinander beim ESC an. Ihr Haar haben sie diesmal angelegt, sonst aber nichts von ihrer elektrisierenden Energie eingebüßt. Als Kreuzung aus tapferem Ritter und R2-D2 fegen sie über die Bühne und singen von der "Waterline". Ein feucht-fröhliches Vergnügen!
Russland
Und nächstes Jahr findet der ESC dann in Udmurtien statt. Da kommen die Buranowskiye Babushki, die Omas aus Buranov, nämlich her. Die russischen Großmütter gelten als Mitfavoriten auf den Titel. Für die betagten Damen gilt: Erst fang'se ganz langsam an, aber dann ... fordern die Fleisch gewordenen Matroschkas zu Disco-Beats "Party for Everyone". Am Ende sind nicht nur die Plätzchen aus ihrem Deko-Ofen gut durch.
England
Ist das nicht schön? Bei den Herren gibt es jemanden, der sich nahtlos und faltenvoll in die Altersklasse der russischen Omas einreiht. Good old Engelbert macht den ESC zum "Elder Singer Contest", aber glauben Sie jetzt bitte nicht, der Mann verstünde mit seinen 76 Jahren nichts mehr von Liebe. "Love Will Set You Free" schmachtet es aus Herrn Humperdinck. Rührend altmodisch.
Deutschland
Nach der zappeligen Lena schickt Deutschland in diesem Jahr einen ruhigen Mützen-Mann ins Rennen. Sein Name atmet Anerkennung, aber wird sich das als gutes Omen für Roman Lob erweisen? "Standing Still" heißt sein getragener Song aus der Feder von Jamie Cullum. Mal sehen, was er damit auf der Punkteskala bewegen kann.
Schweden
Als wäre Dschingis Khan als Frau wiedergeboren worden: Wie ein aufgeblasener Troll wirbelt Loreen im Mongolenmantel über die Bühne. Ihr Songtitel "Euphoria" ist richtig gewählt. Begeistert reagierte das Publikum im Halbfinale auf ihre wohlkalkulierte Dance-Nummer. Auch bei den Buchmachern ist die Schwedin mit marokkanischen Wurzeln Favoritin auf den Titel.
Zypern
Wozu Bücher lesen, wenn man sie doch so prima zu einem Tanzaltar verarbeiten kann? Da ist es auch nur konsequent, dass der Song von Ivi Adamou wenig literarisch anspruchsvoll "La La Love" heißt.
Frankreich
Wer ist hier der größere Hingucker? Sängerin Anggun, Französin mit indonesischen Wurzeln, oder ihre halbnackten, in Gaultier-Hosen gepackten Begleiter? So oder so, beim französsischen Beitrag sind die optischen Reize größer als die akkustischen. Angguns Song "Echo (You And I)" kommt komisch sperrig daher.
Bosnien-Herzegowina
Mit gestutzten Flügeln am Flügel: Maya Star trägt zu ihrer Ballade "Korake ti znam" eine Katja-Ebstein-Gedächtnisfrisur. Irritierend nur, dass es für den Song gar keinen großen Unterschied macht, ob Maya nun am Flügel sitzt (wie am Anfang) oder nicht (wie später). Naja, wenigstens kann sie singen und hat damit einigen anderen Teilnehmern dieses ESC-Finales etwas voraus.
Türkei
Wir sitzen alle im selben Boot... Und am Ende gehen wir auch gemeinsam unter. Zwar legen sich Can Bonom und seine Begleiter bei ihrer Nummer mächtig ins Zeug, soweit Pinguinzwangsjacke und Segeltücher das zulassen, aber dass der Song "Love Me Back" so richtig was reißen kann, glauben wir trotzdem nicht.
Ukraine
Ein bisschen Hawaii auf dem Kopf, ein bisschen Lampenschirm am Rumpf, ein bisschen Kunst im Hintergrund. Sängerin Gaitana präsentiert sich dem Publikum extra fröhlich und lädt es freundlich ein: "Be My Guest". Schließlich ist die Ukraine als Gastgeberland der Fußball-EM ähnlich umstritten wie Baku als Austragungsort für den ESC.
Litauen
Nur richtig, dass Donny Montell schon selbst mit Schlafbrille auf die Bühne kommt. Sein wilder Stilmix "Love Is Blind" ist vor allem eins - schnarchlangweilig. Einziger Höhepunkt: Donnys geschlagenes Einarmrad, mit dem er sich vom langsamen in den schnellen Teil katapultiert.

Navigieren mit Tastaturpfeilen möglich
Mehr aus der Rubrik "Kultur"
BRIGITTE
im Abo
-
am um
-
Lachfrau
am 26.05.12 um 21:48
Gucken ESC und lesen parallel die Kommentare. Herrlich! Und herrlich treffend! Vielen Dank dafür!
-
lala
am 25.05.12 um 16:27
ist eine juliane-werding-gedächtnis-frisur
-
Kate
am 25.05.12 um 14:42
Sehr lustig, Eure Fotostrecke, nur in einem Fall mus ich widersprechen: Ich erkenne bei der Dame aus Bosnien keine Katja-Ebstein-Frisur, die wäre für mich rot, ultraglatt und mit Pony.
-
Ted
am 25.05.12 um 12:38
Tihihi.
mehr (4)