Kultur
Florian David Fitz: "Glück? Wird überschätzt"

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Warner Bros

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Sie machte den Münchner auch für das Kino interessant. "Für ‚Männerherzen' musste ich trotzdem mehrfach zum Casting", sagt Fitz. "Der Kinomarkt ist nämlich ein ganz anderer als der Fernsehmarkt. Da wird genau hingeguckt und gefragt: Bringt der mir Leute ins Kino?" Heute wissen wir: Er bringt. Mehr als eine Million Zuschauer sahen vor zwei Jahren "Vincent will Meer", einen Film über einen jungen Mann mit Tourette-Syndrom, für den Fitz erstmals ein Drehbuch schrieb. Er bekam den Deutschen Filmpreis. Für das Buch. Und für seinen Vincent. Er hatte sich reingekniet in diese Rolle, die er sich selbst auf den Leib geschrieben hatte. Mit all seinem Perfektionismus, der ihn manchmal auch belastet, wenn er sich selbst nicht genügt. Aber viel wichtiger: Er muss spüren, was er tut. "Wenn man an eine Rolle geht, muss man ja seine Seele mitnehmen", sagt er, "da wundert man sich, was man alles vorstellen kann. Wir haben erstaunlich viele Möglichkeiten in uns. Und nicht nur solche, die uns gefallen." Und nun: Carl Friedrich Gauß. Detlev Buck hat "Die Vermessung der Welt" verfilmt. Und Fitz die Rolle des brillanten, unglücklichen Mathematikers gegeben. Wie Fitz dessen Wesen durchleuchtet, ist atemberaubend. Er hat ihn begriffen: als einen, der seiner Zeit voraus war und deshalb nicht verstanden wurde.

Ich war ein Kind, das alles in Frage gestellt hat, das war sehr anstrengend für meine Eltern.

"Aber er will so gern verstanden werden!", sagt Fitz. "So einen muss man bei seiner Einsamkeit packen." Er kann gut nachempfinden, wie es dem Gauß gegangen sein mag. Er war auf seine Weise einsam, als Kind. Zwar hatte er einen guten Freund, Sebastian, mit dem er Nachmittage lang Legosteine ineinandersteckte; aber die meiste Zeit versteckte er sich hinter Büchern. Und er sah seltsam aus - er hatte eine Sehschwäche, ein Brillenglas musste zugeklebt werden. "Bei den Pfadfindern habe ich viel auf die Mütze bekommen", sagt er, "aber ich habe damals den Ehrgeiz entwickelt, mich durchzubeißen. Irgendwann, mit etwa 13 Jahren, konnte ich mich wehren." Ein "Mama-Kind" sei er gewesen, mit seinem Vater war es schwieriger, "mein Vater hat extrem viel gearbeitet und war sehr unter Druck". Aber die Distanz zwischen den beiden ist mit der Zeit kleiner geworden. "Ich war ein Kind, das alles in Frage gestellt hat, das war sehr anstrengend für meine Eltern. Mein Vater sagte dann immer: Ich bin der Ältere, ich muss mich nicht mehr ändern. Aber er hat sich später geändert, von sich aus. Und das finde ich super, das nehme ich mir zum Vorbild." Er lebt noch immer in München, ist immer noch mit Sebastian befreundet, und er sieht seine Eltern häufig. Er bewundert und beneidet sie um die Klarheit in ihrem Leben. "Meine Eltern hatten immer ein klares Weltbild und feste Wertvorstellungen, das finde ich super. Wenn jemand geht oder stirbt, wenn sich etwas verändert, dann hat diese Generation Rituale und Traditionen, um damit klarzukommen.

Eines der Babys am Nebentisch wimmert leise. Fitz lächelt hinüber. "Wie alt ist es denn?", fragt er mit echtem Interesse, "ist doch ganz frisch geschlüpft, oder?" Sechs Wochen, antwortet die Mutter und erzählt ein bisschen von dem neuen, schönen, aussaugenden Leben mit Kind. Ob er sich auch Kinder wünsche? "Die biologische Bereitschaft dafür ist definitiv da", sagt Fitz, "seit sieben Jahren reagiere ich anders auf Kinder. Mit Nestbautrieb." Ob es jemanden gibt, mit dem er sein Leben und die biologische Bereitschaft teilt? Es lohnt nicht, danach zu fragen. Zu seinem Beziehungsstatus gibt Fitz grundsätzlich keine Auskünfte. Er gilt als Dauersingle, ausgerechnet der Frauenschwarm schlechthin, aber belegt ist das nicht. Bei all seiner aufgeräumten Freundlichkeit wahrt Fitz eine unüberbrückbare Distanz. Glück? Wird überschätzt, sagt er, "Zufriedenheit ist viel wichtiger." Und der Liebe wird auch zu viel Bedeutung beigemessen: "Die arme Liebe wird zu Tode gequatscht. Sie ist so ein bisschen ein Lückenfüller für leere Magazinseiten geworden. Es gibt so viele sinnliche, erfüllende Erlebnisse, auf denen nicht ‚Liebe' draufsteht." Er zum Beispiel sei gerade in den Bergen gewesen. "Wenn man dann nach einer Wanderung in einen Wasserfall springt, dann hat das nichts mit dem Kopf zu tun. Das ist etwas für die Seele, für das Herz."

  • Text: Stephan Bartels
    Foto: Urban Zintel
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