Fußball
Porträt: Wer ist Joachim Löw?

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Trotzdem ist er der Beste. Um das zu verstehen, braucht man nicht viel über Fußball als Sport zu reden, nicht über Klinsis und Löws neue Methoden, individuelles Training für jeden Spieler, den ganzen Motivations-Kram, nicht über die Grundprinzipien des modernen Fußballs wie Spiel ohne Ball, Raumaufteilung, hohes Tempo dank optimaler Laktatwerte aller Spieler. Das ist schmückendes Beiwerk für Fußball-Junkies.

Im Grunde geht es nur um Psychologie. Die großen internationalen Turniere wie Welt- und Europameisterschaften werden gern als "Fest der Emotionen" bezeichnet, und tatsächlich ist die EM, das zweitwichtigste Fußballturnier der Welt, nur mittelbar ein Sportereignis; in erster Linie ist sie ein riesiger Psychologie-Kongress, an dem ein ganzer Kontinent teilnimmt. Da wird die Nationalmannschaft plötzlich zur Projektionsfläche für die Wünsche, Hoffnungen und Ängste eines ganzen Landes. Wie sonst ist zu erklären, dass bei EM-Spielen Menschen zu Nervenbündeln werden, aufgelöst in Freudentränen oder wütende Frustration, die an einem normalen Bundesliga-Samstag Schalke nicht von Borussia Dortmund unterscheiden können? Und wenn die Mannschaft die Projektionsfläche ist, dann ist der Trainer der Kristallisationspunkt all dieser Emotionen, das Zentrum, an dem alles auf- und zusammenläuft, was Fußball an Gefühlen in uns auslöst.

Im Grunde hat der Herr Löw einen völlig absurden Job. Seine Mannschaft sieht er, wenn nicht gerade EM oder EM-Vorbereitung ist, bestenfalls alle paar Wochen für wenige Tage. So, als könnte Angela Merkel nur einmal im Monat regieren. Er allein entscheidet darüber, ob für einen deutschen Fußballer der größte Traum, das Trikot der deutschen Nationalelf zu tragen, wahr wird. Oder zerplatzt. So wie für den Stürmer Kevin Kuranyi vor der WM 2006, als Klinsmann und Löw ihn anriefen, um zu sagen, dass er nicht dabei ist. "Für Kevin ist damals eine Welt zusammengebrochen, das hat mich sehr berührt", sagt Löw. Es ist dieses Jahr wieder passiert, 30 Spieler hatten sich ernste Hoffnungen gemacht, mitfahren zu dürfen zur EM. Nur 23 sind erlaubt. Ein Bundesligaspieler, der nicht spielt, kann immer noch den Verein wechseln. Wer nicht in die Nationalelf kommt, müsste auswandern. Es sind Weltuntergangsgespräche, die Löw dann führt.

  • Text: Till Raether & Stephan Bartels
    Fotos: Edgar Rodtmann
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