Fußball
Porträt: Wer ist Joachim Löw?

Noch absurder aber ist, welche Rolle der Bundestrainer im Bewusstsein der Fans spielt. Möglicherweise ist das ein Männer-Ding, wenn ja, umso besser, dann können wir hier vielleicht endlich erklären, wie sehr die Person des Bundestrainers die Psyche eines Mannes beschäftigt und prägt. Beschäftigt, weil kaum ein Mann vor dem Fernseher ernsthaft meint, einen Ball besser halten zu können als Jens Lehmann, besser reinmachen zu können als Miroslav Klose, besser dem Gegner abjagen zu können als Philipp Lahm.

Aber jeder von uns weiß, was der Bundestrainer besser machen könnte: Jetzt müsste er doch den bringen, der muss vom Platz, und der spielt auf der völlig falschen Position, das kann ja gar nichts werden. Und der Bundestrainer prägt uns, weil er für die Dauer einer WM oder EM der Mann Nummer eins im Lande ist. Die Art, wie der Bundestrainer am Spielfeldrand, auf der Pressekonferenz oder im Fernsehstudio auftritt, spiegelt das aktuelle Männerbild im Land - das Bild, an dem wir uns selbst abgleichen.

Werfen wir kurz einen Blick auf die Vorgänger von Joachim Löw. Erinnert sich noch jemand an Jupp Derwall, diesen rundlichen älteren Herrn mit Trainingsanzug und Helmut- Kohl-Brille, freundlich, bräsig, provinziell? So wollten wir nicht sein, wir haben an Derwall gelitten in den Achtzigern. Dann kam der komplette Stilwechsel, Franz Beckenbauer mit seiner aufreizenden Weltläufigkeit, den Superstar-Allüren: Als er die WM 1990 gewann, schritt er nach dem 1:0 gegen Argentinien allein über den Platz, abseits der ekstatisch feiernden Mannschaft, die Hände in den Taschen, den Blick in die Ferne gerichtet, und was aussehen sollte wie Demut und Ergriffenheit, bedeutete in Wahrheit: Seht, es geht nur um mich. Beckenbauer beeindruckte uns, aber er machte uns auch Angst, und es ist kein Wunder, dass seine pathetische Selbstinszenierung in späteren Jahren kippte in Selbstparodie.

Ermüdet vom Glanz des Kaisers, bekamen wir Berti Vogts, dessen Unsicherheit uns erst verunsicherte und dann wütend machte. Dann kam Rudi Völler. Moment, zwischendurch gab es noch Erich Ribbeck und Uli Stielike, aber die beiden interpretierten den Job als ein Duo halbseidener Gebrauchtwagenhändler, sie waren aus der Zeit gefallen und ganz schnell wieder weg. Rudi Völler schien, anders als Beckenbauer, einer von uns zu sein, einer, den wir "Tante Käthe" nannten, über den wir sangen, es gebe nur "ein Rudi Völler", er war so knuffig, dass wir ihm nicht mal das korrekte Personalpronomen gönnten. Völler wurde Vizeweltmeister 2002, mit hässlichem Fußball, Arbeit, Quälerei, und nur durch Pech nicht auch noch Weltmeister. Kein Genie, keine Lichtgestalt, einer, der sich anstrengen muss, aber "authentisch" ist, wie es immer hieß - so einer konnte so viel erreichen. Das hat uns verblüfft, aber nicht befriedigt: Wer braucht ein Idol, das so normal ist wie man selber?

  • Text: Till Raether & Stephan Bartels
    Fotos: Edgar Rodtmann
Sie interessieren sich für unsere Themen? Kostenlosen Newsletter bestellen