Fußball

Porträt: Wer ist Joachim Löw?

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Da war Jürgen Klinsmann schon ein anderes Kaliber, und das Geheimnis seines Erfolges war, wie sehr er sich entzog, wie sehr er auf Grenzen beharrte: wohnte in Amerika, verkrachte sich mit dem gesamten Deutschen Fußballbund, setzte Olli Kahn auf die Bank, haute am Ende einfach ab.

Um Joachim Löw zu begreifen, muss man verstehen, was ihn von seinen Vorgängern unterscheidet. Völler und Klinsmann waren im Vergleich zu Löw offene Bücher: Sie litten öffentlich unter dem Job, dem Druck, der gnadenlosen Aufmerksamkeit, am Ende platzte Völler der Kragen über den "Scheiß", den "Mist", den "Käse", den die Medien, also die Öffentlichkeit, also wir, ihm zugemutet hatten, und Klinsmann gab zu, dass er erschöpft war, einfach viel zu erschöpft, um weiterzumachen.

Undenkbar, dass Löw ausrastet oder ausbrennt. Als wir ihn treffen, trägt er Jeans, ein hellblaues Hemd und schwarze Halbschuhe, die schwarzen Haare (nichts Graues dabei, keine altersbedingte Verdünnung) wie stets nach links gescheitelt. Es ist Interviewtag beim Deutschen Fußballbund in Frankfurt, kurz vor der EM. Er begrüßt die Damen und Herren von der Presse mit festem Händedruck und schaut ihnen dabei aufmerksam in die Augen, jedem Einzelnen, so lange, dass es kurz davor ist, unbehaglich zu werden. Irritierend entspannt sieht er aus, der Mann, der für die deutsche Grundstimmung in diesem Juni wichtiger ist als jeder andere. Nimmt sich ein Stück Birnen-Schmand-Kuchen und eine Tasse Kaffee vom Buffet, setzt sich an den Kopf des Tisches und wartet auf Fragen. Die dann kommen, sind die ganz großen: nach seiner Nervosität, dem Druck, der Verantwortung, der dauernden Beobachtung. All dies perlt derart elegant von ihm ab, dass seine Antworten austauschbare Leerstellen bleiben.

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  • Text: Till Raether & Stephan Bartels
    Fotos: Edgar Rodtmann