John Grisham: Der Gute

John Grisham ist für Thriller wie "Die Akte" und "Die Firma" bekannt. Sein Herz aber gehört der Politik: Er hat Geld für Hillary Clinton gesammelt und kämpft gegen Korruption in Washington. Hier erklärt er, worum es bei der US-Wahl wirklich geht und aus welchem praktischen Grund er nie einen Seitensprung begehen würde.

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John Grishams Büro in Charlottesville, Virginia, ist ein riesiges Loft, die Rohre sind freigelegt und unverputzt. An der Wand hängen Filmplakate: Sandra Bullock und Matthew McConaughey in "Die Jury", Julia Roberts und Denzel Washington in "Die Akte", Tom Cruise in "Die Firma". Auf einem Foto ist der Autor dieser Thriller zu sehen, John Grisham, 53, zusammen mit Stephen King bei der Preisverleihung des National Book Awards. "Mit Stephen", sagt Grisham, "bin ich seit Jahrzehnten befreundet." So wie Grisham auftritt - mit festem Händedruck, forschem Blick und scharfer Argumentation -, kann man sich vorstellen, dass er früher als Anwalt vor den Geschworenen eine gute Figur gemacht hat. "Ich habe keinen Prozess verloren", sagt Grisham gut gelaunt. "In meinem letzten Gerichtsverfahren fühlte ich mich jedoch ein wenig rostig." Das war 1996 und Grisham längst Bestsellerautor. Obwohl er sein Anwaltsbüro seit fünf Jahren geschlossen hatte, nahm er noch einmal einen Fall an. Ein Bahnarbeiter war zwischen zwei Waggons zerquetscht worden. "Die Witwe", sagt Grisham, "war juristisch schlecht beraten worden und bat mich um Hilfe." Er gewann - und erstritt 675 000 Dollar Schadenersatz.

BRIGITTE: Ihr neuer Thriller "Berufung" ist ein kämpferisches Buch. Darin schreiben Sie: "Washington legalisiert Korruption und Bestechung von Politikern."

John Grisham: Ja, es ist erschreckend. Nehmen Sie beispielsweise Ölbohrungen in Naturschutzgebieten wie in der Antarktis. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain war zunächst dagegen, nun ist er dafür, wegen der Öl-Lobby. Und wenn der Senat darüber abstimmt, ob man Offshore-Bohrungen zulassen sollte, dann schauen Sie mal auf das Geld, die Summen, die Ölkonzerne wie Exxon oder Chevron den Senatoren gespendet haben. Und raten Sie mal, wofür die Abgeordneten dann stimmen. Dies ist nicht illegal, weil wir dieses System legalisiert haben. Aber es ist korrupt, es dreht sich alles ums Geld, mit dem Politiker manipuliert werden.

BRIGITTE: Der Wahlkampf jedes Präsidentschaftskandidaten kostet mehrere 100 Millionen Dollar. Kann nur ein Multimillionär Präsident der Vereinigten Staaten werden?

John Grisham: Die Kandidaten müssen persönlich keine Multimillionäre sein, aber sie sind von Spendern abhängig. Dies sind nicht nur große Konzerne. Barack Obama hat 300 bis 400 Millionen Dollar gesammelt, von 20, 30 Millionen Menschen, die kleine Schecks ausgestellt haben. Das Geld muss nicht unbedingt von reichen Leuten kommen, und das ist großartig. Trotzdem halte ich es für obszön, was für horrende Summen eine Wahlkampagne verschluckt. Wenn alles vorüber ist im November, haben wir eine Milliarde Dollar ausgegeben. Und wofür?

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  • Text: Christiane von Knorff
    Fotos: Jürgen Frank
    Ein Artikel aus der BRIGITTE 23/08
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