Wieviel Wahrheit verträgt eine Freundschaft?

Das fragten wir die Schauspieler des Fernsehfilms "Silberhochzeit" - eine Geschichte um acht Freunde, die sich nach Jahren mal ganz ehrlich die Meinung sagen

In diesem Artikel:

Foto: BR/Moovie/Kulbach

Iris Berben: "Freundschaft heißt, sich zu einem Menschen zu bekennen - so, wie er ist. Man krittelt an einem Freund nicht ständig herum. Und unangenehme Wahrheiten sagt man so, dass er etwas damit anfangen kann. Aber man sagt sie, darauf muss er sich verlassen können."

Matthias Habich: "Ja - es ist durchaus schon vorgekommen, dass ich einem Freund die Meinung gesagt habe. In einem Fall hat es dazu geführt, dass wir dann fünf Jahre keinen Kontakt mehr hatten. Heute lachen wir über den Grund des Zerwürfnisses. Nun weiß ich, dass es für die Wahrheit den richtigen Zeitpunkt braucht."

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Corinna Harfouch: "Eine Freundschaft ohne Wahrheit ist keine Freundschaft."

Axel Milberg: "Die Wahrheit ist ja auch immer meine Wahrheit. Ich gebe zu, ich halte mich da eher zurück, solange ich nicht ausdrücklich gebeten werde, mit meiner Wahrheit rauszurücken. Aber natürlich gibt es Situationen, wo ich etwa einem Freund die Wahrheit sage. Behutsam, aber ehrlich, und, wie ich hoffe, hilfreich. Mir gefällt Max Frischs Vorschlag: dem anderen die Wahrheit hinhalten wie eine Jacke, in die er hineinschlüpfen kann. Dieser Freund und Kollege hat sie übrigens nicht angenommen, und für ihn ist es auch besser so. Ich hatte Recht mit meiner Wahrheit, er hatte Recht, sie nicht anzunehmen. Und wenn wir trotzdem nicht alle nur so klug sind wie zuvor, sondern klüger werden, dann, weil wir manchmal die hässliche grausame Wahrheit erkennen müssen! Schmerzhaft gezwungen und nicht so freundlich hingehalten wie bei Max Frisch."

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Ulrich Noethen: "Einem Freund die Wahrheit gesagt? Kommt darauf an. Welche und wie viel Wahrheit braucht der Mensch? Die reine Wahrheit? Die nackte, ungeschminkte? Die bittere? Ein Stückchen? Oder die ganze Wahrheit? Wenn ich meinen Freund aufmerksam mache: "Du hast da noch Spinat zwischen den Zähnen, und Grün ist einfach nicht deine Farbe!" - kein Problem, er wird sich bedanken. Aber ungebeten eine Meinung abgeben, die den Kern seiner Persönlichkeit antastet, womöglich aufs Schmerzlichste: "Sieh der Wahrheit endlich mal in die hässliche Fresse, genauso bist du, und das wird sich niemals ändern" - kritisch, meistens töricht, manchmal aber unerlässlich. In der Regel gibt es ja deutbare Signale, die mir zeigen, wie viel von meiner Sicht der Wahrheit gerade gefragt ist. Im Übrigen, es gibt ja auch die schönen Wahrheiten. Und damit könnte ich ruhig großzügiger umgehen!"

Silke Bodenbender: "Wenn man unter Wahrheit Ehrlichkeit versteht, will ich doch hoffen, dass ich meinen besten Freunden immer die Wahrheit sagen kann. Das würde ich umgekehrt nicht anders wollen. Aber ich versuche dabei, nicht zu verletzen. Denn wer sagt denn, dass meine subjektive Wahrnehmung tatsächlich die Wahrheit widerspiegelt?"

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Gisela Schneeberger: "Es gibt besonders harmonische Phasen in einer Freundschaft, da verspricht man sich: Gell, wir sagen uns immer die Wahrheit! Das habe ich dann mal getan, vielleicht in der Wortwahl zu direkt, zu undiplomatisch - die Freundschaft jedenfalls war beschädigt. Heute geh ich ganz vorsichtig mit "meinen Wahrheiten" um; ein Teil von dem, was Freundschaft ausmacht, geht leider dabei verloren! Wunderbar die Dreharbeiten zu 'Silberhochzeit': Acht Schauspieler vier Wochen lang um einen Tisch herum, da schossen wir uns bald kleinere, bald größere Wahrheiten um die Ohren, ironisch verpackt auf passablem Niveau. Es wurde unendlich viel gelacht, über die anderen, über sich selbst, und keiner war beleidigt. So könnte Wahrheit funktionieren."

Oliver Nägele: "Ich finde das Thema Wahrheit in unserer Gesellschaft besonders wichtig, da wir ständig mit Unwahrheiten konfrontiert sind. Dabei meine ich nicht kleine Notlügen und Flunkereien, sondern die gezielten Lügen, die vielen Menschen eine andere Wirklichkeit als die reale vortäuschen sollen und dies auch mit Erfolg tun. Es ist nämlich der viel leichtere und bequemere Weg, sich der Lüge zu bedienen. Es bedarf schon eines großen Selbstbewusstseins, die Wahrheit zu sagen. Denn man macht sich angreifbar dadurch, muss seine Meinung vertreten und damit auch Farbe bekennen. Erzogen wurde ich dazu, mir nicht anmerken zu lassen, wie es mir geht oder ob ich mit der oder dieser Situation zurechtkomme oder was wirklich mein Bedürfnis ist. So wurde der Unwahrheit Vorschub geleistet. Mittlerweile bemühe ich mich eher darum, die Wahrheit zu sagen - nicht nur meinen Freunden, sondern auch meinen Kindern, meiner Familie, meinen Kollegen. Ich finde, sie haben ein Recht darauf."

Sendetermine von "Silberhochzeit"

"Silberhochzeit" läuft am 13.1. um 20.40 Uhr auf Arte und am 18.1. um 20.15 Uhr im Ersten

  • BRIGITTE Heft 02/2006
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